Ich muss wieder einmal bittere Tränen vergiessen. Da flattert mir doch gestern eine E-Mail mit folgendem Inhalt zu:Der Berg, Kühe, Glocken - ein AlpgesangBeigefügt sind zwei Tondokumente, die ich mir gleich anhöre. Ich spitze die Ohren, suche angestrengt nach der 'unerhörten Musik, die zwischen Appenzell und Kammermusik, zwischen postmoderner Klassik und Bluenotes oszilliert'. Möglicherweise bin ich ja ein musikalischer Depp, denn ich höre nur ausgedünnte und überhaupt nicht originelle Klangwelten. Gar nix Eigenwilliges. Von urchigen Tanzboden-Klängen mit frechen klanglichen Kontrasten, schrägen Harmonien und überraschenden Wendungen ganz zu schweigen.
Was verbindet ein Flügelhorn, eine Bassposaune, eine Violine, ein Violoncello, ein Bandoneon und eine Sängerin? Was machen zwei klassisch gebildete Streicher, zwei Jazzmusiker, ein zeitgenössischer Harmonikaspieler und eine Komponistin/Sängerin zusammen? Sie entwickeln einen aussergewöhnlichen Sound – mal warm und weich, mal
verspielt und weit, bisweilen dunkel und rau, manchmal schräg und überraschend.
Ab kommenden Frühling spielen wir ein gut einstündiges, von Schweizer Folklore inspiriertes Programm. Es ertönen Anklänge an einen Alpaufzug, eine Sturmnacht, anschwellende Flüsse und an den Guggisberg, an Vreneli, Hansjoggeli und die Ungerechtigkeit. Es erklingt eine unerhörte Musik, die zwischen Appenzell und Kammermusik, zwischen postmoderner Klassik und Bluenotes oszilliert.
Schliessen Sie die Augen, wir nehmen sie mit auf eine musikalische Reise durch Überlieferungen und Geschichten, Sehnsüchte und Abgründe, Alb- und Alpträume, das Zeitgemässe und das Zukünftige. Schliessen Sie die Augen, wir stimmen den Alpenblues an.
Doch eben: Das Ganze kommt zeitgemäss mit förderungstauglicher Sprache - ich verweise dazu auf den unglaublich originellen Werbetext - daher und ich schliesse eine Wette ab, dass dieses Projekt von den Förderfunktionären jubelnd unterstützt wird als DAS beispielhafte Projekt mit hoher innovativer Sprengkraft volksmusikalischer Inhalte.
Mir schwant Böses. Das also wird das Resultat öffentlicher Förderung sein: Volkskultur für morgen? Der heilige Musikgott IHI soll uns vor solchen Förderungen schützen.
Ich schliesse jetzt die Augen, denn ich habe wieder einmal den (Alpen-)Blues.
PS: Uraufführung wird am 2. April 2008 im Jazzklub «Moods» in Zürich sein.



5 Kommentare:
Ich denke, das ist ein Problem, mit dem nicht nur der Kunst- und Kulturbereich, sondern alle Bereiche unserer Gesellschaft konfrontiert sind.
Qualität alleine genügt einfach nicht, sondern muss auch entsprechend dargestellt werden.
Wir kaufen ja auch oft Produkte, die nicht unbedingt am besten sind, aber am besten vermarktet werden.
Auch wir selbst preisen uns an, wenn es notwendig ist und auch da "gewinnen" nicht unbedingt die besten.
Aber sollten wir nicht, bevor wir uns nun über diese "Ungerechtigkeit" aufregen, eher versuchen, qualitativ hochwertige Produkte auch entsprechend gut zu verkaufen? Dann würde sich am Ende doch wieder die Qualität durchsetzen. Auch bei der Förderung von Volksmusik.
Bei Waren und nichtkulturellen Dienstleistungen stimme ich vollumfänglich zu. Nur erwarte ich von Fördergremien, dass sie imstande sind, unter die Verpackung zu schauen. Kultur- und Kunstsachverständige sollten sich schon von Sachverstand leiten lassen und nicht von märchenhaft formulierten Fördergesuchen. Marketing soll m.E. dann dazu dienen, das dass künsterische Produkt seinen Markt findet.
Aber dieser Text sollte nicht die Fördergremien, sondern potentielle Zuhörer ansprechen, oder nicht? Und um möglichst viele Zuhörer zu gewinnen, braucht es tatsächlich eine ansprechende Verpackung.
@unkultur: Stimmt. Nur tönen de entsprechenden Fördergesuche in der Regel nicht viel anders. Lassen Sie sich doch einmal in ein Kulturfördergremium wählen. Sie werden auf erstaunliche Formulierungen stossen.
"Lassen Sie sich doch einmal in ein Kulturfördergremium wählen."
Verzichte dankend ;-)
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