Über helvetisches Augenwasser
Zu weihnächtlicher Frühstunde habe ich ein zusätzliches Weihnachtspäckli entdeckt, dass ich an dieser Stelle gerne auspacken werde. Der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider wundert sich in einem Blogbeitrag auf kulturplatz-Blog über seinen Ausraster anlässlich der Todtnauberger Literaturtage:
Schacher Seppli und helvetisches AugenwasserUnd wie hältst Du es mit dem 'helvetischen Augenwasser' (köstlich, dieser Ausdruck!)? Gestehst auch Du Dir ganz heimlich ein bisschen jodlerische Rührseligkeit zu?
Von Hansjörg Schneider
Am vergangenen Samstag, anlässlich der Todtnauberger Literaturtage, hat Christine Lauterburg zu später Stunde im Kurhaus gesungen und gejodelt. Ich fand sie hinreissend. Beim Lied "Mis Müetti het mir gschribe" (Texst s. ganz unten) sind mir die Tränen der helvetischen Sentimentalität übers Gesicht gelaufen.
Anschliessend haben sich ein paar deutsche Kollegen darüber geäussert. Sie fanden das Gejodel doof und langweilig. Immer die selbe Melodie, immer nur Jo-lojo-lo-du, sagten sie, das sei nervtötend und der Geisteshaltung nach reaktionär.
Da hats mir kurz den Nuggi herausgetättscht, ich bin böse geworden und gemein. Wir Schweizer hätten es nicht nötig, habe ich gesagt, uns von irgendwem vorschreiben zu lassen, welche Musik unser Herz anrühren dürfe. Wir seien die Einzigen, die etwas vom Jodeln verständen, und wir seien stolz darauf. Dann bin ich aufgestanden und weggegangen.
Als ich mich beruhigt hatte, habe ich überlegt, warum ich so unüberlegt ausgeflippt bin. Ich bin zu folgendem Schluss gekommen: Wir Deutschschweizer haben eine Volkskunst, die wir als heimlich und unantastbar betrachten. Wir wollen sie mit niemandem teilen. Wir stellen sie nicht zur Diskussion, wir wollen nicht darüber reden. Am liebsten würden wir sie verstecken, tief in den Bergen drin. Oder tief in unseren Herzen.
Kürzlich habe ich gelesen, dass der grösste Schweizer Hit der Schacher Seppli ist. Das hat wohl viele erstaunt. Mich nicht. Denn auch beim Schacher Seppli drückt das helvetische Augenwasser aus mir heraus. Diese Tränen sind mir willkommen.
Ich betrachte mich übrigens nicht als reaktionär, sondern als fortschrittlich.
Mis Müetti hätt mer gschriibeVerwandte Beiträge: Seelenfutter für SchweizerInnen; Über patriotische Gefühle;
Mis Müetti hätt mer gschriibe:
„Chumm wider einisch hei”.
Es sig so ganz verlasse,
es sig so ganz elei :
Und druuf so hani brichtet,
ich hei ja chum de Ziit,
hei eischter z’tue und z’schaffe,
und ’s Heigoh sei so wiit :
Doch einisch bini gange,
bin hei dur’s Wägli uus,
und ’s Müetti hani gfunde,
elei im alte Huus :
Elei im chline Stüübli,
wo ’s Ziit goht a der Wand.
Am Feischterli hätts gschloofe,
mis Briefli i der Hand.
Ruedi Rymann und Schacherseppli zum Zweiten





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