Dienstag, 17. Juni 2008

Gelenkte Kreativität

Dank unserer modernen Technik habe ich gerade noch einen Blick auf einen Beitrag im 'Volkskultur-Blog' (initiiert von Pro Helvetia) erhascht. Er ist nämlich in der Zwischenzeit vom Blog gelöscht worden. Hier also der verschwundene Beitrag des österreichischen Volkskulturförderers Prof. Hermann Härtel (ehemals Geschäftsführer des Steirischen Volksliedwerkes):

Erst kürzlich habe ich Ihre Einladung zur Diskussion zum Thema “Förderung der Volkskultur – aber wie?” erhalten. Das Thema ist für mich brandheiss, weil ich vor kurzem wegen konträren Ansichten zu diesem Thema von unserem politischen Büro fallen gelassen wurde. Fazit: Ich habe alle meine Funktionen in der Volkskulturarbeit zurückgelegt. Eine der Funktionen war Fachbeirat für die Volkskulturabteilung des Landes Steiermark, wo ich Einblick in die Fördermethoden erhalten und an einer Neubearbeitung der Förderrichtlinien mitgearbeitet habe, die bis heute nicht umgesetzt sind. Grundlage für all diese Veränderungen, die meine Kulturarbeit untergraben haben, sind einerseits die im Jahre 2002 erfolgte politische Ressorttrennung von Volkskultur und Kultur und damit die Verpolitisierung des Themas. War zu Anfang der 70er Jahre die “Vereinnahmung der Volkskultur” ein gerne an die Wand gemalte Warnung, um den Zugriff zum Thema durch Rechtsparteien zu unterbinden und den Fördertopf möglichst wenig mit solchen Dingen – die ja ehrenamtlich bestens funktionieren – zu belasten, ist die Marke Volkskultur nunmehr auch von den Parteistrategen anderer Parteien entdeckt worden. Das war zu befürchten und ist nunmehr Wirklichkeit geworden. Leider wird aber so die Volkskultur von der Politik zerstört. Fazit: Die Volkskultur darf nicht verpolitisiert werden.
Da muss wohl etwas gar Ungeheuerliches an diesem Artikel dran gewesen sein, damit er so sang- und klanglos beerdigt wurde (von wem wohl?).

Dürfen wir vielleicht nicht wissen, dass Kunst wie Kultur schon immer von der politischen Elite eingezäunt wurde, dass auch die abgeschliffene 'Volkskultur' des 19. und 20. Jahrhunderts geschaffen wurde, um den Pöbel zu sozialisieren? Urwüchsige traditionelle Kultur hat nämlich immer etwas Rebellisches an sich, was die Elite gar nicht goutiert. Auch das jugendliche Kreative ist der Elite ein Dorn im 'sehenden Auge'.Schulbeispiel dazu sind für mich die 80er Jugendunruhen in der Schweiz, die letztendlich

a) zur Gründung vieler kantonaler Förderstellen
b) zur Aufstockung der Kulturgelder, und
c) zu unzähligen (eingezäunten) Kulturhäusern

führten und somit alles wieder überschaubar blieb. Wie gesagt, für die herrschende Elite gilt urwüchsig-kreatives Tun immer als anrüchig. Man muss solches Tun in (von ihnen) gelenkte (geförderte) Bahnen leiten. Jetzt muss halt noch die 'Volkskultur' in der Schweiz eingezäunt werden - ins Gärtchen der Innovation und (ganz verschämt) Tradition.

Verwandte Beiträge:
Wer das Original nicht kennt...
Ist 'Volkskultur' förderungswürdig?
Über das Traditionelle der Kulturförderung

4 Kommentare:

Christian

Das ist mir auch am Sonntag aufgefallen. Ich habe sogar noch einen Screenshot vom RSS-Reader gemacht. Auf die Idee komme ich sonst eher selten.

Thematisiert habe ich es auch, obwohl man ja nie wissen kann, welche Gründe zur Löschung geführt haben. Vielleicht war es ja der Wunsch des Autors selbst?

Bedauerlich ist es natürlich, dass auf dem Blog mittlerweile Belanglosigkeiten dominieren und solche Themen tauchen entweder gar nicht auf oder verschwinden schnell wieder.

Eine verpasste Chance...

Hanspeter Gautschin

Vielleicht gewollt?

"Bedauerlich ist es natürlich, dass auf dem Blog mittlerweile Belanglosigkeiten dominieren"

Hausfrau Hanna

Als neugierige Hausfrau habe ich mich vorhin zum ersten Mal in das von dir, lieber Hanspeter, angesprochene Blog 'Volkskultur' hineingelesen. Ich habe genau die zwei ersten Beiträge geschafft. Dann hatte ich genug und mochte nicht mehr weiterlesen. Nun sitze ich ziemlich ratlos da und frage mich: Habe ich vielleicht die Ironie in den Texten nicht gespürt? Oder blieb mir der Humor unverständlich? Oder waren die Beiträge am Ende doch ernst gemeint? Um mein Dilemma zu veranschaulichen, gebe ich gern diese vier Zeilen wieder, die mich am meisten verunsichert haben, gleichzeitig aber auch sehr zu Herzen gegangen sind:
"Sitz zu aute Lüüt uf ds Bänkli,
ou di Chranke bruche dy.
Zeigne, das isch ds beschte Gschänkli,
dass si nit vergässe sy."

Hanspeter Gautschin

Liebe Hausfrau Hanna, auch ich muss mir eingestehen,dass ich die neue Volkskultur-Strategie der eidgenössischen Förderelite nicht ganz verstehe.

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