Montag, 7. Juli 2008

Solche Männer braucht das Land

Nach dem bunten "Gartentor" als inoffizieller Kulturminister wurde es bodenständiger: Der Innerschweizer Dominik Riedo wurde nämlich im letzten Herbst auf den Thron gehoben. Mit unglaublicher Ausdauer und innerschweizerischer Hartnäckigkeit reist er seitdem von Auftritt zu Auftritt, schreibt regelmässig in sein Blog-Tagebuch, findet nebenbei noch Zeit, Bücher zu verfassen, hintergründige Projekte - zum Beispiel: Kulturhauptstadt Romoos - zu lancieren und zeichnet sich zudem verantwortlich für die Herausgabe eines Carl-Spitteler Auswahlbandes (Carl Spitteler-Stiftung Luzern; siehe dazu auch meinen Beitrag 'Wer da nicht mitmöggt, tut mir leid).

Ich habe auch schon über ihn gebloggt

Funtionäre scheuen Knochenarbeit
Über kreative Verweigerung

und bemäkelte dabei seine etwas buchhalterisch-spröde Art. Doch eben: Ich stützte mich dabei lediglich auf seine regelmässigen Beiträge, seine Forderungen an die Kulturelite - insbesondere die Aufnahme von Sozialleistungen für die KünstlerInnen ins neue Kulturfördergesetz - und vermeinte, einen stramm gewerkschaftlich ausgerichteten Kulturapparatschik vor mir zu haben. Wie war ich deshalb erstaunt, als er mich kürzlich anfragte, über seine Buchvernissage am 3. Juli zu bloggen. Meine Neugierde trieb mich dann tatsächlich am vergangenen Donnerstag nach Luzern ins stattkino. Ich selbst organisierte früher auch genug Buch- und andere Vernissagen und weiss deshalb um die Schwierigkeit, einen publikumswirksamen Rahmen zu schaffen. Vorweggenommen: Der Kulturminister schaffte diese Hürde mit Bravour.

Doch dazu muss ich erstmals ausholen. Das Buch, sein bisher umfangreichstes, bringt darin dem Leser die höchst interessante Welt von sechs mittelalterlichen Romanen (Hartmanns Iwein und Erec, Gottfrieds Tristan, Ulrichs von Zatzikoven Lanzelet, des Strickers Daniel und Wolframs Parzival) auf eine neue Art und Weise näher. Es geht nämlich um den Status der Fragen im deutschen hochhöfischen Roman. Konkret beleuchtete Daniel Riedo in seiner Studie, welchen Stand oder welche Wertung die im hochhöfischen Roman auftretenden Fragen innehaben: Sind diese negativ bewertet oder positiv? Zusammenfassend habe ich aufgrund seiner Erläuterungen an der Vernissage vernommen, dass in diesem 'dunklen Zeitalter' das Fragen überhaupt nicht 'en vogue' gewesen sei... also praktisch wie heute auch.

Der Kulturminister brachte es an dieser Buchvernissage fertig, ein hochwissenschaftliches Buch so zu präsentieren, als wäre es ein süffig geschriebener Unterhaltungsroman. Das schaffte er auch, indem er - ich staunte nochmals - sich als gewiefter Entertainer präsentierte und so leicht und locker die doch harten Klippen umschiffte. Also nix da mit buchhalterisch-spröde!

Zum zweiten schaffte er es, den Direktor der Pro Helvetia (Pius Knüsel) als Laudator zu verpflichten. Auch Pius Knüsel wusste wohl um die Schwierigkeit, ein solches Werk zu würdigen und machte deshalb aus seiner Laudatio eine ehrlich gemeinte Würdigung des vielfältigen Schaffens des Kulturministers. Natürlich durften auch gezielte Seitenhiebe auf die Nichtexistenz eines offiziellen Schweizer Kulturministers fehlen (... bei uns macht ja der Sozialminister Kultur ...) . Wehmütig schaute er dabei auf die goldenen Zeiten des französischen Kulturministers Jack Lang zurück (... royal und ausgestattet mit einer richtigen Kulturbürokratie ...), um dann umso vehementer gegen die Mutlosigkeit in der Kulturpolitik anzureden.

Und ja, dann gab es für mich noch ein weiteres Highlight in der Person von Corina Schranz. Die 1987 in Luzern geborene Studentin des klassischen Gesangs an der Musikhochschule Luzern bei Prof. Peter Brechbühler wartete mit einfühlsamer Interpretation (Sopran und Akkordeon) von Volksliedern auf. Lieder notabene, die sie bereits als Kind gesungen hatte. Ich prophezeie dieser jungen Sängerin eine grosse Karriere.

Hier noch eine Videoeinspielung der Künstlerin (Corina Schranz à Amondans):


Also meine verehrten Leserinnen und Leser: Ich habe mich in der Person des Kulturministers eindeutig geirrt. Ich habe ihn als überaus engagierten Kulturschaffenden wie auch (jawohl) -manager kennengelernt. Trotz einiger kulturpolitischen Ansichten, die ich ganz anders sehe, halte ich es mit dem urdemokratischen Prinzip: Ich teile Deine Meinung nicht, doch ich unternehme alles, damit Du sie kundtun kannst.


PS: Dominik Riedo hat übrigens keine Berührungsängste gegenüber der sog. 'Volkskultur', die er - wie ich auch - zur allgemeinen Kultur zählt. Übers Jodeln meinte er sehr zu meinem Vergnügen:

"... Ich zähle auch das Jodeln zur Kultur, obwohl man nicht an einer Hochschule oder ähnlich sich ausbilden lassen kann. Trotzdem kann man da tolles Niveau haben und förderungswürdig sein (im Unterschied auch zu schlechten Jodlern wie es ja auch schlechte Sänger, Professoren etc. gibt). Es ist eben so, dass Jodler oft angegriffen werden, weil man sich nicht ausbilden lassen kann und dann könne man auch nicht professionell sein. Doch, kann man ..."
In diesem Sinne rufe ich allen Kulturmenschen in der Schweiz zu:

Solche Männer braucht das Land.

Alle Bilder betrachten (auf: Picasa-Webalbum):
Buchvernissage Dominik Riedo am 3.7.08 stattkino Luzern

1 Kommentare:

1668cc

Na, eine Buchvernissage, die von einem Kulturminister besucht wird, hat in jedem Falle mediales Interesse zur Folge, egal wie man das vorgestellte Buch finden mag. Das würden sich viele Autoren wünschen, solch einen angesehen "Fürsprecher" zu bekommen.

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