Dienstag, 12. August 2008

Beheimatet in den Grenzen Grossdeutschlands von 1938

Kürzlich hab' ich mich wieder fürchterlich aufregen müssen! Da wurde nämlich ein Kompositionswettbewerb von DRS Musikwelle, Schweizer Fernsehen, Blick, Pro Helvetia (!), OK Eidgenössisches Jodlerfest Luzern in Zusammenarbeit mit dem EJV (Eidg. Jodlerverband) lanciert und in den Medien gross angekündigt. Erlaubt waren erstmals auch andere Begleitinstrumente zum Jodel als nur Schwyzerörgeli und Handorgel. An sich eine gute Sache, aber...

Aus den 38 Wettbewerbseingaben wählte eine Fachjury 20 Titel aus, welche nun auf einer CD zu hören sind (Jodel Plus). Die Vielfalt der Kompositionen sei erstaunlich, hörte man die Jubelschreie der Protagonisten. Dann hab' ich 'mal in diese CD reingehört und das nackte Grausen hat mich befallen:

Unter gütiger finanzieller Mithilfe von Pro Helvetia sind da ganz üble Machwerke entstanden. Musikantenstadl lässt unüberhörbar grüssen. Natürlich weiss ich, dass zur Zeit in der Schweiz einige "Manager" aktiv daran sind, den Jodelgesang mit Volksmusik zu vermischen und so medientauglich à la Musikantenstadl zu machen. Die unsäglichen "Oesch's die Dritten" sind da wohl in absehbarer Zeit kein Einzelfall mehr.

Pro Helvetia unterstützt bedenkliche Fehlentwicklung
Dass ausgerechnet die schweizerische Kulturstiftung hier mitmischelte, finde ich mehr als bedenklich. Wenn die üblichen Mittel nicht mehr ausreichen, um Jodeln und Volksmusik zu diskreditieren, versenkt man halt das Ärgernis in die Untiefen eines Musikantenstadls. So hat man sich das wohl bei Pro Helvetia angedacht. Künstlerische Kriterien konnten wohl nicht Ursache dieses Engagements gewesen sein. Bedenklich, bedenklich.

Siehe dazu auch meinen Artikel: Früher war auch die Zukunft viel besser!
Doch bitte: Überzeugt Euch selbst, ob es dazu öffentliche Gelder braucht, um eine solche Fehlentwicklung zu unterstützen: HIER.

Einen erhellenden Blick auf diese volksdümmliche Szene ermöglicht uns Hans Well von "Biermösl Blosn":
Eine entscheidende Rolle für die Verwechslung von Volksmusik und Kitsch spielen die Medien. Grand Prix der Volksmusik, Schlagerparade der Volksmusik und viele andere Sendungen der volkstümlichen Unterhaltung vermischen ja ganz bewusst beide Begriffe, impliziert das Wort Volksmusik doch Volksverbundenheit und die Legimitation, im Namen des Volkes zu singen. Die volkstümliche Musik meidet generell den Widerspruch zur Masse oder herrschenden Meinung. Tümlich kommt - habe ich nachgelesen - von so tun als ob. Nicht das Volk tut hier allerdings "so als ob", sondern eine verkaufsinteressierte Industrie in bester Kumpanei mit öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, indem sie ein Surrogat an verlogenen Glücksgefühlen und abgefeimten banalen Musikklischees verbreiten. Der Unterhaltungschef des BR bei einer Tagung 1992 bei den Tutzinger Medientagen zu diesem Thema: "Je schwerer und je kälter die Menschen die Welt erleben,... umso mehr entsteht das Bedürfnis bei vielen Zuschauern, dafür ein Äquivalent zu bekommen... Texte und Melodien sollen für wenige Stunden vom Druck der Realität ablenken." Von Problemen ablenken - so beschreibt man normalerweise bei Süchtigen, warum sie Rauschmittel nehmen. Das Prinzip dahinter ist das der totalen Unterhaltung, durch die Einführung der privaten Medien erst richtig in den Galopp gebracht.

Die Substanz volkstümlicher Musik besteht hauptsächlich aus musikalischen und textlichen Klischees, mit leichter Dialektfärbung versehen, um den Umsatz durch sprachliche Exotik nicht einzuengen, und ist dem Schlager und der Popmusik wesentlich näher als originärer Volksmusik. Sie lebt, wie die Schlagerbranche, vom Bedürfnis ihrer Konsumenten nach Illusionen und einer heilen Welt, zeitlich und ideell ist sie meist in den Grenzen Grossdeutschlands von 1938 beheimatet. Das Frau - Mann - Rollenverhalten in den Texten ist traditionell, der Alkohol spielt in vielen Liedern die Rolle des Stimmungsmachers, nicht positive Realivitätsbezüge (Miesmacherei) sind unerwünscht und wenn, dann nur stark verkitscht üblich. Die Phantasietracht steht ähnlich wie der Trachtenanzug und das Dirndl bei Politikern als optisches Signal für Heimatverbundenheit und Naturnähe. Permanentes Mitklatschen erzeugt beim Publikum, mit dem sich der Moderator bei allen Gelegenheiten zu verbünden versucht, ein Gemeinschaftsgefühl. Zwar hat diese Musik einen traditionellen Anstrich in der Instrumentierung, im Arrangement, in der Rhythmik. Doch alle diese Elemente werden hochartifiziell und synthetisch mit neuen Elementen vermischt.
Den ganzen Artikel kann man HIER lesen.

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