Mir fehlen die Worte
Es gibt Zeiten, wo mich die Arglosigkeit vieler SchweizerInnen etwas beunruhigt. Da schlittern wir gerade in eine Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmasses, weil unser vielgepriesenes GRENZENLOSES System am Kollabieren ist, und träumen weiterhin ein grenzenloses Leben. Wir hinterlassen unseren Kindern damit eine Welt mit Billionen an Schulden, mit denen wir die Banken finanzieren, die ihnen dann die Zinsen unserer Schuld abknöpfen werden. Eine Welt ohne Jobs, ohne Zukunft, eine Finanzkrise, eine Kreditkartenkrise, eine Immobilienkrise, eine CDS-Krise und ich weiss nicht, was noch alles folgen wird.
Da macht sich Frau Zappadong auf Beiz 2.0 Sorgen über die kommende Abstimmung über die Weiterführung und Erweiterung der Personenfreizügigkeit. Sie befürchtet nämlich, dass sie abgelehnt werden wird, weil rechtsbürgerliche Kräfte schon tüchtig die Leserbriefspalten füllten. Was für eine messerscharfe Logik. Wenn diese Abstimmung wirklich "verlorengeht" (für wen denn?), dann nur aus einem Grund: aus nachvollziehbarer Existenzangst der Abstimmenden - und zwar von "Rinken" und "Lechten".
Noch mehr irritiert mich ein Kommentator, der u.a. leichtfüssig Folgendes unter ihren Beitrag geschrieben hat:
Es braucht nun Leute die hinstehen und den Leuten erklären, dass es längerfristig für sie besser ist, wenn sie nun - im Extremfall - als Schweizer Ingenieur (weil zu alt) die Stelle verlieren an eine jüngere Kraft aus Deutschland.... (mir fehlen jetzt die Worte)
PS: Ich hoffe, dass Frau Zappadong und die Kommentatoren das alles etwas ironisch meinten. Denn unsere Zeit braucht BEKENNENDE KYNIKER.





7 Kommentare:
Jetzt habe ich einen langen Kommentar geschrieben .... und weg ist er.
Die Kurzversion: Leider vergeht mir im Moment die Ironie so ziemlich. Mir ist es ernst.
Zäune bauen ist eine schlechte Idee. Denn: Der Weg über den Zaun ist von beiden Seiten her sehr beschwerlich und wer sich zu sehr einigelt, könnte in seiner vermeintlichen Sicherheit verhungern.
Ich habe eigentlich gar nichts von Einigeln geschrieben. Ich meine nur, wer permanent die GRENZENLOSIGKEIT propagiert (Gehirnwäsche), geht im grenzenlosen Chaos mit unter.
Ich bin mir nicht so sicher, dass die grenzenlosen BefürworterInnen der grenzenlosen Freizügigkeit bei eigener Arbeitslosigkeit nicht doch vom PAULUS zum SAULUS flugs mutieren.
Ich habe es in der Beiz schon geschrieben:
Meine Firma ist zum Teil auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen (auch "hundsnomale" Schweizerinnen und Schweizer möchten bei Muttersprachigen Englisch lernen, ja, es wird zum Teil ausdrücklich verlangt!). Früher war das ein Ding der Unmöglichkeit, denn die Kontingente gingen alle an Grossfirmen. Keine Chance für uns. Wir gingen deshalb jahrelang am Anschlag und ich erinnere mich gut an den Tag, an dem ich das zuständige Amt in St. Gallen in einem verzweifelten Telefon praktisch auf Knien angefleht habe, mir für jemanden eine Bewilligung zu erteilen, weil ich sonst einfach nicht mehr könne und den Laden dicht machen müsse.
Heute beschäftigen meine Geschäftspartnerin und ich rund 25 Angestellte. Knapp ein Viertel davon sind Ausländerinnen, die dank der Personenfreizügigkeit bei uns arbeiten. Wenn wir uns für das Abbrechen von Brücken entscheiden und ich im schlimmsten Fall diese Bewilligungen verlieren sollte, dann kann ich eins mit Sicherheit sagen: Ich werde diese Firma nicht weiterführen - denn was ich in der Zeit vor der Personenfreizügigkeit erlebt habe, will ich nicht noch einmal erleben.
Man rechne: Mit den ca. 3 - 5 "personenfreizüglern" verlieren 20 andere ihren Job - und ich meine Firma. Hat da jemand was von Arbeitslosigkeit und Existenzangst gesagt?
Kommt dazu, dass ich in einer Gegend lebe, die sehr stark exportorientiert ist. Ich wage mir nicht auszumalen, was passiert, wenn wir die erweiterte Freizügigkeit ablehnen ...
Es gibt Mittel und Wege, Lohndumping zu bekämpfen. Nochmals: einen Zaun zu bauen ist nicht der richtige Weg.
Hanspeter, was ist denn so schlecht dran, wenn ein junger deutscher Ingenieur meine Arbeit (meinen "Job"... wie ich dieses Wort hasse...) macht? Mit "mir fehlen die Worte" kann man zwar an eine stillschweigende instinktive Zustimmung appellieren, aber das ist mir doch gar zu wenig.
@Bruder Bernhard: Ich formulierte dies (mir fehlen die Worte) einfach aus der Sicht des Ingenieurs, der möglicherweise noch eine Familie (Standard: Einfamilienhaus, zwei Autos, Frau und zwei Kinder)zu ernähren hat und natürlich nicht einsieht, dass er zugunsten eines "übergeordneten Wohls" stempeln muss.
Heute können wir zwar (noch) aus gemütlicher Sofaperspektive den urbanen, verständnisvollen Weltbürger mimen. Doch wie sieht's aus, wenn das eigene Sicherheitsnetz reisst? Sind wir dann immer noch so weltoffen????
Die Absurdität dieses Brandstifter-Satzes rechtspopulistscher Angstmache habe ich hier:
http://beizzweinull.wordpress.com/2008/12/15/abgrunde/#comment-366
ausführlich kommentiert.
@Hanspeter:
Danke übrigens, dass du mich noch einmal auf diesen Satz in seiner vollen Schönheit aufmerksam gemacht hast!
Gegen Sprachlosigkeit hilft manchmal eine sprachliche Analyse. Der Satz ist nämlich rhetorisch hundsclever: Er ist ein Päckchen, das uns eine Behauptung unterjubelt, die wir für sich allein genommen wahrscheinlich sofort als blanken Unfug abtun würden.
Also: Der Satz
"Es braucht nun Leute die hinstehen und den Leuten erklären, dass es längerfristig für sie besser ist, wenn sie nun - im Extremfall - als Schweizer Ingenieur (weil zu alt) die Stelle verlieren an eine jüngere Kraft aus Deutschland."
enthält 3 Behauptungen:
1. Ein Schweizer Ingenieur verliere seine Stelle an eine jüngere Kraft aus Deutschland.
2. Dieses sei längerfristig besser.
3. Es brauche Leute, die dafür hinstehen.
Die meisten Leser werden Behauptung 2 als selbstverständlich unwahr betrachten und folglich Behauptung 3 empört von sich weisen.
In dieser Empörung vergisst man allzu leicht, Behauptung 1 auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Mirist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Schweizer Ingenieur (weil zu alt) die Stelle an eine jüngere Kraft aus Deutschland verloren hätte. Auch die Statistik – die Arbeitslosigkeit in der Schweiz ist in den letzten Jahren stetig gesunken auf derzeit 2,5 % während die Zahl der Deutschen in der Schweiz in den letzten Jahren stetig angestiegen ist – lässt keinerlei so gearteten Zusammenhang plausibel erscheinen.
Wenn aber Behauptung 1 unwahr ist, sind auch die Aussagen 2 und 3 irrelevant. Und der ganze Satz entpuppt sich als rhetorisches Scheinargument.
Zweck dieser rhetorischen Nebelgranate ist es, Angst und Ressentiments gegen Ausländer zu schüren.
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