Dienstag, 27. Januar 2009

Wird die Schweiz Island folgen?

Ich habe auf Zappadong ein bisschen herumgeblödelt. Ich verstehe Zappadong - sehr gut. Ich verstehe auch die andere Seite - sehr gut. Ich selber habe schon einige Monate in der untersten Schublade der Wirtschaftswelt gearbeitet. Das war zwar in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Aber es war auch damals schon schrecklich. Ich als Neuling in einer Schicht in der chemischen Industrie wurde argwöhnisch beaugapfelt. Ich hatte keine Arbeitskollegen. Nur Konkurrenz. Alle waren darauf aus, in den Status des "Monatslohn-Empfängers" aufzusteigen. Es war schrecklich - die Hölle. Harte Arbeit. Viel Schweiss. Schimpftiraden der "Chefs". Ich fühlte mich weniger als ein Sklave. Die Mittags- bzw. Verpflegungszeit (3-Schichten-Betrieb) war knappe 30 Minuten. Ich verzehrte mein schnell eingekauftes "Gnagi". Dann ging's weiter. Schweissperlen. Frust und Zorn. Ich wusste schon damals, dass ich nur so lange Bestand haben werde, wie die Konjunktur gut sein wird.

Und heute? Heute ist alles viel schlimmer. Jeder misstraut dem Anderen. Es herrscht das nackte Überlebensprinzip. Hier in der untersten Schublade der Wirtschaftswelt weiss es der Allerletzte: Ich bin nur ein klitzekleines Schräubchen im Getriebe. Deshalb auch die grosse Angst vor der Ausweitung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien.

Viele haben zuhause eine Familie. Die Krankenkassenprämien drücken - damals von der Pharmalobby unter gütiger Führung des mütterlichen Ruthli eingeführt. Die Steuer- und Gebührenlast ist für viele nicht mehr zu bewältigen. "Und da sollen die Schweizer Arbeitstore noch weiter geöffnet werden?" fragen sich die "Büezer" und blicken sorgenvoll nach Island: "Wird die Schweiz Island denächst folgen?"

6 Kommentare:

dan

Die Schweiz ist für den normalen Arbeitnehmer der untersten Sicht, schlicht nicht belebbar.
So wie du das aufzeigst, sehen und erleben (aus meiner Erfahrung), viele den Broterwerbskampf.
Und Novartis feiert 25% mehr Gewinn!

Das poltische System (auch das Wirtschaftliche) bedarf einer grundlegenden Erneuerung, daran ändert weder ein Ja noch ein Nein der Personenfreizügigkeit.
Schweizer, gut ausgebildet aber 50 plus, erhalten so oder so keine Arbeit!

Da draussen in der schweizerischen Provinz ist Krieg, ein täglicher Überlebenskampf und keiner sieht hin...

Zappadong

Hier bin ich :-)

Ich habe in den 80-Jahren als Küchenmädchen gearbeitet; zusammen mit Paula aus Portugal. 14 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche für 1200 Franken. Ich arbeitete in der Küche, weil die Arbeitslosigkeit in meinem Brotjob extrem hoch war -und als ich etwas anderes fand, konnte ich mich aus der Küche verabschieden. Paula nicht.

Das am Rande. Ja: Für einen Büezer ist es in der Schweiz hart, sehr hart. Nur bin ich leider der festen Überzeugung, dass es noch viel härter wird für den Büezer, wenn wir nein sagen.

Und wie Dan bin ich der Meinung, dass wir das System von Grund auf erneuern müssen. Unbedingt. Denn so, wie wir jetzt fuhrwerken, kann und wird es auf die Dauer nicht funktionieren.

Liebe Grüsse

Zappadong

Hanspeter Gautschin

Da bin ich genau auch Deiner Meinung. Im Übrigen habe ich HIER wie auch auf Deinem BLOG noch NIE das Wörtchen NEIN hingeschrieben. Ich möchte nur aufzeigen, dass die 'tumben Büezer' - wie sie gerne von der selbsternannten Elite gerne betitelt werden - auch Menschen mit Ängsten sind. Wie die Unternehmer, die um ihr/e Geschäft/e fürchten.

Ansonsten glaub' ich nicht an eine freiwillige Systemerneuerung. Politik heisst "Status Quo" (Pfründe, Pfründe und nochmals Pfründe) mit allen Mitteln halten. Ich glaube - nein, ich weiss - eher an ein "Game Over". Und dann haben wir zur jetzigen Weltfinanz- und der noch nicht eingestandenen Weltwirtschafts- noch eine saftige Weltsozialkrise. Und genau vor dieser fürchte ich mich.

Zappadong

Ich finde es manchmal erschreckend, wie wenig ernst die Ängste der Büezer genommen werden. Es braucht schon eine gewisse Arroganz, darüber einfach hinwegzugehen.

Ich hatte gehofft, dass uns die Wirtschaftskrise vernünftiger macht und stelle sehr desillusioniert fest, dass sich nichts ändert. Den mit der Selbstregulierung können wir wirklich vergessen. Und irgendwie scheint nicht einmal ein solch heftiger Schuss vor den Bug zu helfen, wie der, den wir gerade bekommen haben.

Noch eine Bemerkung sn Dan: Unsere Sekretärin war 56, als wir sie eingestellt haben. Sie ist absolute Spitzenklasse!

Christian Henner-Fehr

@Hanspeter: Ob Finanz-, Wirtschafts- oder Sozialkrise. Das lässt sich doch gar nicht trennen. Der Versuch, dies doch zu tun, ist doch gerade das Problem.

Hanspeter Gautschin

@Christian: Vielleicht doch: Zuerst staunten wir über fallende Banken (= Finanzkrise), dann merkten wir verwundert, dass die Wirtschaft auch mithängt (= Wirtschaftskrise) und allmählich dämmerts uns, dass auch unser Leben davon betroffen sein könnte (= Sozialkrise). Aber ansonsten hast Du recht: Alles hängt zusammen, ist äusserst komplex... und nur die Wenigsten haben das heute begriffen.

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