Hausfrau Hannas Geschichtenerzähler
Kürzlich las Hausfrau Hanna ein Interview mit der redegewandten, unterkühlt wirkenden Direktorin des Schweizer Fernsehens. Folgende Aussage gefiel Hanna besonders gut, blieb an ihr haften wie die Zahnpasta am Mundwinkel: „Wir sind beim ‚Storytelling’ besser geworden“.
‚Storytelling’ - was für ein Wort! Als Hanna noch am Überlegen war, was damit wohl gemeint sein könnte, wurde sie auch schon hinunter gezogen in die Tiefe ihrer Erinnerungen.
Das Gesicht ihres Vaters tauchte auf. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler und hatte eine innere Schatzkammer, die gefüllt war mit unendlich vielen Märchen, Sagen, Fabeln, sowie selbstgesponnenen und wahren Geschichten aus dem Aktivdienst. War die Türe zu seiner Kammer offen - und das war sie oft - liess sich das Kind stundenlang vom väterlichen Erzählfluss mitnehmen und forttragen in andere Welten.
Ein weiterer Geschichtenerzähler war der Dorfpfarrer. Manchmal strömten die Bibelgeschichten aus seinem Mund dahin wie ein ruhiger Fluss zwischen seinen Ufern. Dann wieder schmückte der Herr Pfarrer diese so spannend und farbig aus, dass sie kaum mehr als solche zu erkennen waren. Moses, Joseph und seine Brüder sowie Abraham und Co. wurden zu Abenteurern, Helden und Supermännern, die Verrücktes und Gefährliches anstellten.
Später war es Hannas Geschichtslehrer, der die Klasse in den Bann zog. Eigentlich war er ein zurückhaltender Mann und wurde seines Aussehens wegen von allen liebevoll ‚der Alte’ genannt. Doch von einem Moment zum andern konnte er jede Zurückhaltung aufgeben. Er liess die Zügel schiessen und erzählte so detailgetreu und gruselig von historischen Begebenheiten, dass es Hanna schauderte. Und sie zugleich fasziniert in der Schulbank sass. Solche Geschichtsstunden waren Perlen narrativer Kunst und ‚der Alte’ ein wahrer Meister.
Kein Wunder macht heute das Schweizer Fernsehen so wenig her: Es fehlen genau solche Geschichtenerzähler! Wie Hannas Vater, Hannas Pfarrer und Hannas Geschichtslehrer. Die erfanden und erzählten nämlich nicht nur mit Verve Geschichten, die verstanden es auch, sich auf ihr Publikum zu beziehen und es hellwach zu halten. Niemand schlummerte ein oder döste vor sich hin. Wirklich niemand. Damals.





0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen