Montag, 16. März 2009

Hausfrau Hanna im Himmel


Hausfrau Hanna glaubt nicht an einen jenseitigen Himmel. An einen diesseitigen schon. Beziehungsweise an deren viele. Am liebsten hält sie sich im Lesehimmel auf. Darin befindet sich nichts als ein blaues Sofa und Beigen von Büchern, die auf dem Wolkenparkett ausgelegt sind: Romane, Krimis, Comics, Bilderbücher, hohe Literatur, Biographien, Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Hannas momentane Laune und ihr Lesebedürfnis sind bestimmend bei der Wahl. Und dann beginnt er. Der Himmel. Hanna lebt darin, seit sie ein kleines Mädchen ist. Sie hat das Lesen leicht gelernt, damals in der ersten Klasse bei Fräulein W., der wunderschönen, heissgeliebten Unterstufenlehrerin. Hannas erste Leseerinnerung ist diese:

FI FA FO
HEINI EINE FAHNE
LISA EINE FAHNE
FEIN SO FEIN
und noch immer kann sie dieses Lernverslein aus dem Lesebüchlein genauso rhythmisch und mit heller Stimme herunterrattern, wie sie es als Erstklässlerin im Chor der Klasse konnte.

Das erste richtige Buch las Hanna, als der Arzt ihr nach einer schweren Kinderkrankheit noch einige Zeit Hausruhe verordnete. Langweilig war es ihr. Bis zum Moment, als ihr die grosse Schwester aus der Schulbibliothek ein Buch mitbrachte!

Dieses war unsinnlich, dafür sauber in blaues Packpapier eingefasst und auf dem Einband gestochen scharf beschriftet mit ‚Theresli’, von Elisabeth Müller. Fünf Rappen kostete die Ausleihe für eine Woche. Das Buch sah innen nicht nur leicht vergilbt aus, es war auch noch in alter Schrift gedruckt. Zuerst mühsam buchstabierend, dann immer fliessender, las sich Hanna durch die Geschichte des lebhaften Pfarrermädchens. Und so wurde das ‚Theresli’ nicht nur zur ersten Identifikationsfigur, sondern es veränderte auch Hannas Leben, indem es die kleine dörfliche Welt erweiterte um den glücklich machenden Aufenthalt im Lesehimmel.

Obwohl die Drohung der Mutter: “Wenn du nicht mit Lesen aufhörst, geht es dir einmal genauso wie ‚Diesem’ da!“ Hanna leicht erschauern liess, das Lesen konnte und wollte sie nicht aufgeben. Mit ‚Diesem’ war übrigens Herr Rosenmund gemeint. Begegnete man ihm auf der Strasse, war er stets abwesend, vergass zu grüssen und führte Gespräche mit sich selbst. Er war ‚übergeschnappt’, wie man im Dorf sagte. Und der Grund, so wurde gemunkelt, waren die vielen gescheiten Bücher, die er gelesen haben soll…

In diesem Fall behielt die Mutter nicht Recht. Dieses Schicksal blieb Hanna erspart, obwohl auch sie las und las und las. Astrid Lindgren, Karl May, Lisa Tetzner, Erich Kästner, Federica de Cesco, Kurt Held wurden verehrt. Ronja, Zora, Giorgio und Winnetou wurden zu mutigen, bewunderten Freundinnen und Idolen. Nahte das Ende eines Buches, begann die Trauer über den baldigen Verlust der eingegangenen Beziehungen. Zum Glück gab es auch Fortsetzungsbücher. Sie machten das Lesen noch schöner und intensiver.

Diese Woche nun las Hanna in der Zeitung folgenden Satz von Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der damit das überraschende Umsatzwachstum in der Bücherbranche zu erklären versuchte:
„Vielleicht greifen die Leute jetzt in der Finanzkrise eher zum Buch, um die Welt zu verstehen.“
Wäre das schön! Wenn die Leute nicht nur nach den Büchern greifen, sondern sie auch lesen würden…

2 Kommentare:

Anonym

Liebe Hausfrau Hanna

Weil bis heute noch kein Mensch Deine Postings gôutierte, mach' ich es hier: Ich find' Deine Beiträge sensationell und immer mehr wichtig für unsere Zeit...

Hausfrau Hanna

Lieber oder liebe Anonym,
danke für deinen Kommentar. Das rührt mich jetzt fast zu Tränen...

Einen schönen Abend wünscht dir
Hausfrau Hanna

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