Hausfrau Hannas Einkehr
Im engen Tal, wo Hausfrau Hanna aufwuchs, war man reformiert.
„ Katholle! Schissbolle!“, tönte es da schon einmal über den Pausenplatz. Die reformierte Mehrheit machte sich in derber Weise lustig über die katholische Minderheit. Hanna mochte sich nicht beteiligen. Nicht etwa, weil sie ein besseres Kind gewesen wäre. Nein, sie wäre einfach liebend gern katholisch gewesen. So wie ihre beste Freundin Silvia. Diese erzählte ihr manchmal von der Beichte, die sie hinter dem geschlossenen Vorhang im Beichtstuhl ablegen durfte und deren befreiende Wirkung sie dann mitnehmen konnte in den Alltag. Ausserdem sah Silvia aus wie ein Engel in ihrem weissen, langen Erstkommunionkleid, in dem sie an der Osterprozession der von ein paar Männern mitgetragenen Madonna Blumen hinstreuen durfte. Hanna durfte nur am Wegrand stehen und mit grossen, neidvollen Augen zuschauen.
Wahrscheinlich ist das Nüchterne, Karge, Unfestliche des Calvinismus Schuld, dass Hanna hin und wieder Einkehr hält im nahen Dom, einem weit herum bekannten Barockbau, der den grossen, gepflästerten Platz wie eine überdimensionierte weisse Hochzeitstorte abschliesst.
Im Innern zieht es Hanna stets als Erstes in eine kleine Nebenkapelle, wo auf einem Altar die Hl. Odilie steht. Ihr zu Füssen ist ein Buch aufgeschlagen, in das die Leute ihre Bitten, Wünsche und Sorgen hineinschreiben können. Hausfrau Hanna blättert und liest darin. Um ‚Kraft’ wird meistens gebeten. Kraft, um den Alltag zu meistern. Kraft, um Krankheit und Leiden anzunehmen und durchzustehen. Kraft, um aushalten zu können, was das Leben bereithält.
Eine der Bitten um Kraft rührt sie besonders:
„Gib meinem Sohn die Kraft, dass er die Lehrabschlussprüfung besteht. Danke!“
Hanna denkt bei sich: Was veranlasst und bewegt diese Menschen, sich einer alten, wurmstichigen Holzstatue in Form einer Säulenheiligen anzuvertrauen und öffentlich für alle einsehbar von Sorgen zu erzählen, die man auch mit einer guten Freundin hätte besprechen können?
Plötzlich wird Hannah nachdenklich.
Vielleicht ist es genau das, was die Menschen suchen bei der Heiligenfigur: Deren stumme Gegenwärtigkeit! Die Hl. Odilie hält keine klugen Antworten bereit. Sie gibt keine wohlmeinenden Ratschläge, regt sich nicht auf, unterbricht nicht, urteilt nicht. Sie steht da und überlässt den Bittenden und Schreibenden den Raum für das Eigene.
Hanna schaut sich um, ob niemand sie beobachtet. Dann schreibt sie ihr persönliches Anliegen ins Buch:
„Liebe Odilia, gib mir die Kraft, mein schnelles, vorlautes Mundwerk in Zukunft achtsamer und bedächtiger zu gebrauchen. Danke!“
Und dann fügt sie noch an:
„Und gäll, gib dem jungen Mann einen aufmunternden Tritt, damit er für seine Prüfungen auch lernt!“







2 Kommentare:
Das ist eine hübsche Beschreibung, und ich könnte so viel theologisch Wohlgesetztes dazu schreiben, es wäre gut, es wäre richtig. Aber diese Impression ist so liebevoll, - die Wirkung eines funkelnden Edelsteins kann man ja auch nicht mit Formeln fassen. ich lasse es leuchten und schaue hin. Das genügt.
Lieber theomix,
natürlich hätten mich ein paar wohlgesetzt hingeschriebene Gedanken eines Pfarrers schon auch interessiert -
so begnüge ich mich mit diesem feinen Kommentar: Danke!
Einen schönen Auffahrtstag wünscht
Hausfrau Hanna
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