Mehr Riedos und weniger Schnarchnasen
Frau Zappadong hat mich dazu inspiriert. Es geht um den abtretenden Kulturminister. Neuwahlen sind angesagt. Fünf KandidatInnen buhlen bereits um die Gunst der Online-WählerInnen. Ob darunter einE valableR KandidatIn sein wird? Dominik Riedo, der noch amtierende Kulturminister, hat gezeigt, wie's gehen könnte: Unermüdliches Dranbleiben, geschicktes Kommunizieren wie auch Managementfähigkeiten sind Garanten für mediales Gehör. Doch es brauchte noch mehr, damit sich ein fruchtbarer Bodensatz bilden kann. Geld auch. Wir brauchten in der Schweiz dringendst eine Kulturpolitik, die diesen Namen verdient. Schöngeistige Reden, wie sie Kulturschaffende gerne im Munde führen, können PolitikerInnen jeglichen Couleurs kaum zu kulturpolitischem Handeln bewegen. Knallhartes Politmarketing wäre vonnöten, welches die heilige Dreifaltigkeit (Copyright Wolfgang Böhler) des Politikers/der Politikerin beinhaltet:
- Arbeitsplätze schaffenGut, die ganz grosse Lobby (Finanzen, Pharma, Agrarchemie) fährt noch ganz andere Geschütze (im wortwörtlichen Sinne!) auf. Doch die lassen wir einmal beiseite. Wir haben ja noch Ethos und Kultur!
- Staatssäckel füllen
- Wiederwahl sichern
Ich bedaure es, dass Dominik Riedo wieder in der Versenkung verschwinden wird/muss. Ich persönlich würde ihn gerne als gewieften Kunst- und Kultur-Agitator beschäftigt sehen. Entsprechende Interessengemeinschaften, erst noch mit öffentlichen Geldern alimentiert, gäbe es mehr als genug. Doch werden diese Stellen hartnäckig von ängstlichen Hochschul-Apparatschiks und üblen Schnarchnasen besetzt gehalten. Ihre einzigen Aktivitäten bestehen darinnen, nicht aufzufallen, Sitzungen abzuhalten, Grabenkämpfe zu initiieren und sinnlos das gesprochene Geld mit Kunstdruck-Pamphleten zu verbraten.
Kulturelle Gelder werden wohl in nächster Zeit, wenn nicht gekürzt, so doch zumindest eingefroren. Und da wir in der Schweiz lediglich die Unkultur grosszügigst fördern (Bankster, Giftmischer etc.), wäre hier dringendst Gegensteuer angesagt:
Ich fordere deshalb mehr Dominik Riedos und weniger Schnarchnasen.





11 Kommentare:
Schon wieder einer, der mir mein sauer verdientes Gehalt missgönnt (Giftmischer etc.)!
Ich kenne die Institution des online gewählten Kultusministers nicht, und auch Dominik Riedo ist mir unbekannt. Aber weniger Schnarchnasen? Da stimme ich zu. Weltweit bitte!
Dominik Riedo hat sich in seinen zwei Amtsjahren unermüdlich für die Kultur eingesetzt.
Er hat eine eigene Art, mit der ich nicht immer klarkomme, aber trotzdem: Hut ab!!! Dominik Riedo hatte unzählige Ideen, hat sie beherzt angepackt, ist unermüdlich herumgereist, hat sich - auf gut Deutsch - den Arsch aufgerissen für seine Sache. Das ist weit mehr als viele andere tun und getan haben.
Meinen Respekt hat er sich mehr als verdient. Und deshalb wünsche ich mir die in "Heidis + Peter" (siehe mein Blog) geforderte Diskussion auf so vielen Kanälen wie möglich. Damit seine Arbeit nicht ungehört verhallt. Damit sein Einsatz wenn nicht in Geld, dann wenigstens in guten Diskussionen bezahlt wird. Damit die Schnarchnasen vor lauter Lärm, den wir machen, nicht schlafen können.
Hanspeter, hast du dich schon beworben um das Amt des Kulturministers?
@theomix: da die Schweiz keinen eigentlichen Kulturminister (das ist bei uns der Sozialminister in Personalunion)hat, deshalb auch kaum Kulturpolitik betrieben wird, haben die Kulturschaffenden vor ca. 4 jahren das Ehrenamt eines Kulturministers geschaffen. Und der amtierende Kulturminister hat doch Einiges bewirken können. Ohne Geld! Doch die gut alimentierten 'Schnarchnasen' haben auch in der Schweiz (und nicht nur in der Kultur) die Oberhand.
@Zappadong: Ich Kulturminister??? Nein, dazu bin ich ganz und gar nicht geschaffen. Ich reibe mich zu gerne an 'Schnarchnasen' und 'Hochschul-Deppen'. Das verspricht keine glanzvolle Amtszeit.
Ich bin soeben von den Ferien zurückgekehrt,
lieber Hanspeter,
und habe nach den internetfreien Tagen deinen Beitrag interessiert gelesen. Eine Frage hätte ich allerdings. Und das zur Genauigkeit des Begriffes 'Staatsseckel':
Was bitte ist denn das?
@Hausfrau Hanna: Ich habe den 'Seckel' flugs ins 'Säckel' umgetauft. So dürfte sich nun Dir, liebe Hausfrau Hanna, der Sinn erschliessen.
Dominik Riedo, so genannter Kulturminister, ist auch mir unvergessen - wenn auch nachhaltend negativ.
Ich erinnere an den legendären Thread auf Facts 2.0 (liest sich etwas seltsam, weil fast alle Diskussionsteilnehmer gelöscht worden sind, aber das ist eine andere Geschichte).
http://facts.ch/articles/885199-ich-will-die-kultur-in-der-wahrnehmung-verankern
Da fragt er tatsächlich: «Was haben Sie gegen das System der CSSR?»
So viel Naivität (oder ist es Unwissenheit?) ist mir schon lange nicht mehr untergekommen.
Eine äusserst treffende Einschätzung von Riedos Arbeit hat die WoZ geliefert.
http://www.woz.ch/artikel/rss/17135.html
Liebe Frau Müller
Ich kenne den WOZ-Artikel; ich habe auch Riedos Antwort darauf gelesen (in seinem Blog).
Man kann es nicht abstreiten: Dominik Riedo hat etwas betulich aufgeblasen Elitäres an sich (wobei ich mir mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob da nicht auch eine Portion Ironie dahintersteckt) und nicht wenige seiner Blogeinträge liessen mir die Zehennägel kringeln, ABER: er war und ist sehr aktiv im Sinne der Kultur unterwegs. Er hat eine Vielzahl von Projekten angerissen und durchgezogen.
So einer darf anecken. Er muss nicht mein Idealbild sein. Im Gegenteil: An einem Kulturminister soll man sich reiben müssen, man darf ihn hinterfragen und man muss ihn in Diskussionen verwickeln. In den paar Malen, in denen ich das via Mail getan habe, hat er immer geantwortet.
Werte Frau Müller!
Ich attestiere Ihnen eigentlich eigenständiges Denken. Deshalb erstaunt es mich schon, dass Sie die WoZ bemühen müssen, um Ihre Abwertung gegenüber dem noch amtierenden Kulturminister zu belegen. Ich selbst habe mich anfangs auf diesem Blog mehrmals über Dominik Riedo lustig gemacht. Dann habe ich ihn letzten Sommer persönlich getroffen und ich musste meine Meinung revidieren. Er hat wirklich was drauf. Vielleicht nicht gerade als Literat. Jedoch umsomehr als Kulturmanager. Ich finde, genau dies würde der Kultur Schweiz gut tun. Vergessen wir nicht, dass er noch relativ jung ist (ich darf das so schreiben mit meinen 53 Jahren) und auf dem Weg zur mittleren Reife, auch Fettnäpfchen füllen darf.
@ Zappadong: Diese Immer-alles-ironisch-meinenden-Künstler gehen mir fürchterlich auf die Nerven. In Zürich gibt es jetzt sogar einen Wanderverein (Aktionskollektiv!) von irgendwelchen Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste, die nicht etwa einfach wandern gehen, nein, sie gehen ironisch wandern und «entwickeln eine lustvolle form der volkskultur, die das altbewährte, mitunter etwas vergilbte kultur- und traditionsgut vor dem hintergrund des hiesigen urbanen denkens in ein ganz neues licht rückt».
Da bleibt mir nur noch Robert Gernhardt zu zitieren: «Es gebe keinen ironischen Orgasmus, nicht mal eine ironische Erektion.»
Riedo hat gewiss seine Verdienste. Es ist seine Geisteshaltung, diese Staatsgläubigkeit, die in jenem Facts-Thread zu tragen kommt, die mir zutiefst zuwider ist.
@ Bodeständix: Danke, dass Sie mir die Fähigkeit zum eigenständigen Denken attestieren. Nur ist meine Faulheit und Zeitnot zuweilen stärker. Drum der Einfachheit halber der Link zur Woz. Einige Sätze darin nehmen genau meine Gedanken auf, die ich aber hiermit gerne noch selbst ausformuliere:
1. Ein Kulturminister, und sei er nur ein ironischer, strebt genau das an, was alle Hochschul-Apparatschicks tun: Die Institutionalisierung der Kultur.
2. Kulturpolitik ist letztlich Erziehung des Bürgers. Der Bürger soll Kultur statt Drogen und Sex konsumieren. Diese paternalistische Grundhaltung ist die einzige Existenzberechtigung für einen Kulturminister.
Nun hat aber jeder Bürger das Recht auf Informationsfreiheit, also das Recht zu lesen, zu hören und zu schauen, was auch immer er möchte. Solange dieses Recht auf Informationsfreiheit nicht beschränkt oder beschnitten wird, sind alle Versuche der politischen Entscheidungsträger, die Bürger zum Konsum kultureller Bildung zu animieren, notwendig zum Scheitern verurteilt.
3. Kulturpolitiker setzen sich nicht mit Kultur auseinander (es steht Beamten auch gar nicht zu, zu definieren, was Kultur sein soll), sondern es geht stets um Zuständigkeiten, Subventionen und wie die Pfründe erweitert oder mindestens bewahrt werden können.
4. Ich finde es unwürdig, wenn man sich vom staatlichen Tropf abhängig macht, seien dies nun Künstler, Bauern oder Banker – und ich bin gegen jede Form von Subventionitis sei diese sozialistisch, konservativ oder liberal.
Dominik Riedos «mediales Gehör» beschränkt sich in der Presse übrigens auf insgesamt 66 Artikel (erschienen fast ausschliesslich in Lokalzeitungen) während seiner zweijährigen Amtszeit, wobei ca. ein Drittel auf seine Ernennung, ein Drittel auf die Neuwahl und ein Drittel auf seine Aktion «der beste Leserbrief» kommt und natürlich, dass Romoos jetzt Kulturhauptstadt der Schweiz ist. Aber das war ja glaub’s ironisch gemeint und das ist natürlich wahnsinnig subversiv.
@Frau Müller: Nach dem Lesen Ihres erläuternden Kommentars zum WoZ-Beitrag muss ich ernüchtert feststellen, dass auch ich gerne in die "Institutionaliserungsfalle" tappe. Kunststück, hab' ich selbst doch auch eine gewisse Zeit davon gelebt (Förderkratie). Ich kann Ihnen eigentlich nur zähneknirschend zustimmen. Ab und zu habe ich mich ja auch in dieser Art hier im Blog geäussert, die Förderkapriolen gegeisselt. Doch eben: Mein altruistisches Herz bringt mich immer wieder hin zu den 'armen und mittelosen Künstlern/Künstlerinnen'. Es ist halt schon ein Dilemma damit.
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