Mein Freund Dieter
Dieter und BodeständiX im Frühling 1965
Wenn die Sommerferienzeit anbricht, kommen mir - wohl eine Alterserscheinung - Kindheitserinnerungen hoch. Bereits letztes Jahr habe ich über das "Zelten im eigenen Garten" geschwelgt. Heute ist mir eine alte Fotografie in die Hände gekommen, die mir eine tiefe Freundschaft mit einem ganz speziellen Menschen in Erinnerung ruft.
Es war eher eine stille Freundschaft. Dieter, ein Nachbarsbub, litt nämlich an einer unheilbaren Krankheit, die ihn daran hinderte, sich als "Bueb" so richtig auszutoben. Was ihn jedoch auszeichnete, war seine wunderbare Art, aktiv zuzuhören. Er liebte es, wenn ich ihm von meinem Winnetou erzählte. Er konnte sich kaum halten vor Lachen, wenn ich das eigentümliche Kichern von Sam Hawkens nachmachte und zu seiner grossen Freude durfte er ab und zu auf unserem Holzschwan reiten und sich dabei als Old Shatterhand auf Hatatitla fühlen. Weil er sich physisch eben weniger ausdrücken konnte, hatte er ein umso reicheres Innenleben und er liess mich gerne an seinem Bilderreichtum teilhaben. In den farbigsten Bildern konnte er mir die Prärie im "Wilden Westen" beschreiben, schaudernd vom grauslichen Grizzlybären erzählen, der uns zähnefletschend verfolgte, um dann wiederum begeistert in meine etwas bodenständige Art einzusteigen, indem wir uns genüsslich an der lukullischen Bärentatze des gerade erlegten Grizzly's weideten.
Doch zurück zu den Sommerferien. Dieter liebte sie, denn dann konnte er ganztägig mit mir zusammen sein. Doch wenn dann die Uhrenmacherferien (zweiwöchige Fabrikferien) anstanden, wurde er ein bisschen traurig. Er musste dann nämlich mit seiner Familie verreisen. Sie verbrachten, wohl als erste im Dorf, regelmässig ihre Ferien am Mittelmeer. Doch Dieter wäre viel lieber zuhause geblieben. Das war für ihn Abenteuer genug. Ich seh' ihn, wie er sich hinten auf dem Rücksitz des Fiat's mir zudrehte und mit gequältem Lächeln zum Abschied winkte. Ich meinerseits hätte natürlich nichts dagegen gehabt, mit Dieter zu tauschen. Im Gegensatz zu seiner Familie war bei uns in den "Uhrenmacherferien" nicht Mittelmeer, sondern Kirsche-Ernte-Zeit angesagt.
Dieter ist dann im Alter von zehn Jahren gestorben. Ich habe mich damals ums Abschiednehmen gedrückt, weil mir das Sterben meines Freundes einfach unerträglich gewesen ist. Ich höre es noch heute, wie meine Mutter zu mir sagte: "Jetzt ist Dieter im Himmel." Ich zog mich zurück und schämte mich so, weil ich nicht den Mut aufgebracht hatte, ihm Lebewohl zu sagen. Und dann kam die tiefe Trauer.





2 Kommentare:
Eine seelenwarme und seelenerwärmende Geschichte ist dir da gelungen.
Dem pflichte ich bei.
Vielleicht magst Du, zu seinem Andenken, noch mehr von seinen reichhaltigen Bildern erzählen?
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