s Langnauerli oder die Wiederentdeckung des Einfachen
Der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl, 1897-1973, kann mich mit weisen Worten trösten, wenn ich wieder einmal in der Komplexitätsfalle gelandet bin. Seine geflügelte Antwort darauf lautet schlicht und ergreifend: Alles Wahre ist einfach. Das mag in so manchen Ohren seltsam klingen. Unsere Welt ist doch so kompliziert und unübersichtlich geworden.
Als Kind war mir das Emmental die liebste Gegend in der Schweiz. Für mich wäre es damals das Schönste gewesen, im Emmental zu wohnen. Mit roten Backen habe ich die Bücher der Emmentaler Autorin Elisabeth Müller verschlungen (ja, auch die Mädchenbücher !), mich an den Abenteuern der "Sechs Kummerbuben" ergötzt. Trotz dieser Emmental-Affinität habe ich jedoch den Emmentaler-Käse nicht speziell gemocht. Viel lieber hätte ich mich an einem Tilsiter, wie ihn damals die "besseren" Leute bevorzugten, gütlich getan.
Heute, wo ich ganz nahe dem Emmental wohne, mich mit den Volkskultur-Landschaften in der Schweiz auseinandersetze, fällt mir immer mehr auf, wie das Emmental die ländliche Kultur in der Schweiz beeinflusst hat. Insbesondere die Ländlermusik hat wohl ihren Durchbruch einem Emmentaler-Instrument zu verdanken: Dem "Langnauerli". Ich möchte an dieser Stelle nicht gross auf dessen Entstehungsgeschichte eingehen, sondern verweise gerne auf die vorzügliche Inszenierung einer Handharmonika-Manufaktur, in der die berühmten "Langnauerli" hergestellt wurden. Ort: Regionalmuseum in Langnau. Ein Besuch lohnt sich.
Das "Langnauerli" verkörpert für mich das Schlichte, das Einfache. Das heisst jedoch nicht, dass es leicht ist, dieses Instrument zu spielen. Vor einigen Jahren öffnete mir ein Meister auf diesem Instrument Augen und Ohren: Werner Aeschbacher, der, wie könnte es anders sein, auch im Emmental (Eggiwil) aufgewachsen ist. Er entlockte diesem einfachen Instrument die wundersamsten Tänzli-Melodien. Dies führte mir vor Augen, dass gerade diese einfache musikalische Struktur das grosse Geheimnis der Volkmusik ist. Die Volksmusik wird ja meist von Seiten der musikalisch Gebildeten als anspruchslos angesehen. Volksmusik ist zwar formal simpel, jedoch deswegen nicht einfältig. Es ist verfehlt, der Volksmusik ihre einfache Struktur vorzuwerfen. Wir schätzen Mozart nicht geringer, weil seine Harmonik weniger komplex ist als die von Gustav Mahler. Dass sich die Volksmusik einfacher musikalischer Formen bedient, heisst keineswegs, dass sie primitiv ist. Die einfache musikalische Struktur ist nicht ein zu behebender Mangel, sondern der Nährboden, auf dem sie gedeiht.
Und jetzt wären wir wieder beim von mir so verehrten Karl Heinrich Waggerl angelangt: Alles Wahre ist einfach.






1 Kommentare:
Mit der Küche ist es wie mit der Kunst und der Musik. Die einfachen, traditionellen Gerichte munden am besten. Moderner Konzeptfood kann niemals mit dem Vogelheu, der Rösti, dem Cervelat und allen anderen Armeleute-Rezepten mithalten.
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