Sonntag, 16. August 2009

Die Würze in der gesellschaftlichen Suppe: Dorforiginale

Gestern war wieder so eine wunderbare Nacht; der tiefschwarze Himmel ganz mit Sternen übersät. Richtig romantisch. Das nahmen wir (meine Ehefrau und ich) zum Anlass, gemütlich im Garten ums Feuer zu höckeln und zu 'brichten' (erzählen). Dann kamen auch noch die Nachbarn, angelockt durchs Feuerlein, zu uns in die traute Runde. Wir kamen auf die sog. 'Dorforiginale' zu sprechen. Auch hier in Utzenstorf, wie sicher in jedem Dorf weltweit, gab es sie. Die knorrigen 'Originale', die sich einen Deut um die öffentliche Meinung scherten, hatten meist eine liebenswürdige Macke, die sie einzigartig machte. Wir fragten uns, ob es sie wohl noch geben mag? Möglicherweise seien sie wohl endgültig ausgestorben, weil unsere Zeit eben lieber den stromlinienförmigen, mainstreamigen Menschen bevorzuge. Als Einwohner wie als Arbeitssklave.

Ich selbst erinnere mich gerne an ein urwüchsiges Dorforiginal. Allgemein war er nur unter seinem Dorfnamen 'Badhansekarli' bekannt. Er war Junggeselle, wohnte in einem ehemaligen Bauernhaus, das ihm gehörte. 'Badhansekarli' war ein richtiges Sammeltierchen (korrekt: Messie-Syndrom). Das ganze Haus zeugte von seiner Leidenschaft. So konnte er sein Bett nicht mehr zum Schlafen benützen. Er schlief einfach sitzend am Küchentisch, wo er sich extra ein kleines Plätzchen dafür ausgespart hatte.

Ich hätte da einige Müsterchen über ihn zu erzählen. Das würde jedoch den Rahmen dieses Blogs sprengen. Deshalb werde ich nun auf eine Episode aus seinem Leben zurückgreifen, die exemplarisch für seine pfiffig-brummige Art gewesen ist.

Der 'Badhansekarli' war stolzer Besitzer eines Rebstückes an einem sonnig-südlichen Hang in meinem Heimatdorf. Er teilte seine Leidenschaft mit einigen anderen Hobbywinzern, die sich in einer Genossenschaft zusammengetan hatten, um mit geeinten Kräften ein süffiges Tröpfchen herzustellen, was ihnen übrigens in der Zwischenzeit auch bestens gelungen ist: Himmellüpfer.

Nach einem katastrophalen Frühling und einem noch katastrophaleren Sommer hingen die Winzerwolken ganz tief, denn es war einfach auszumachen, dass es heuer keine Traubenernte geben würde. Nur einer stimmte nicht in den allgemeinen Jammerchor mit ein: Unser 'Badhansekarli'. Klammheimlich bestellte er nämlich im Tessin kistchenweise köstliche Trauben, die er dann über Nacht (Samstag auf Sonntag) an seine Rebstöcke hängte. War das eine Sensation! Die sonntäglichen Spaziergänger trauten ihren Augen nicht. Wie ein Lauffeuer ging's durch's Dorf: "Dem 'Badhansekarli' sind über Nacht Trauben gewachsen!"

Die Oberdörfer-Rebbauern anno 1961. Dritter von links (mit Hut): 'Badhansekarli' (Foto: Weinbauverein Dielenberg Oberdorf BL)

3 Kommentare:

Hausfrau Hanna

Vielleicht lebte eine Dorfgemeinschaft früher einfach selbstverständlicher mit solchen Käuzen und Originalen, lieber Hanspeter.
Heute käme wahrscheinlich ganz schnell eine Sozialarbeiterin, die Fürsorgebehörde oder der Heimatschutz vorbei, um zum 'Rechten' zu schauen...

Titus

Wirklich originell, dieser Badhansekarli mit seiner Traubenaktion. Es bleibt jedoch die Frage offen: Wie mundete dieser Jahrgang? Hatte er einen leichten Tessiner Nachgeschmack? :-)

Zu den Dorforiginalen an sich (und ohne Berücksichtigung allfälliger Messie-Syndrome): Ich denke, es gibt sie schon noch, selbst hier in Biel mit 50'000 Einwohnern.

Aber, im Gegensatz zu früher fallen sie in der heutigen Masse nicht mehr so auf. Die Bevölkerung hat in den letzten Jahrzehnten doch massiv zugenommen, da fällt der Auftritt eines Einzelne kaum mehr auf.

Andererseits gibt es heute mehr denn je «exotische Vögel», also solche, welche z. B. durch eine auffällige Kleidung Aufmerksamkeit erregen. Als mögliche Folge davon sind wir quasi abgehärteter und nehmen auch deswegen die Originale kaum mehr zur Kenntnis.

Hanspeter Gautschin

@Tituts: Dein Einwurf könnte natürlich das Verschwinden der Originale erklären. Andererseits stimmt es halt schon auch, dass das Auffälige, wenn's denn auffällt, schnell eingesammelt wird. Wir haben dazu bestens geschultes Personal (s. Hausfrau Hannas Kommentar).

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