Freitag, 18. September 2009

Dumm, ignorant und böse im Alltag

Das nenn' ich eben die 3 verflixten Dinger (Moral, Ethik und Spiritualität), die, hätte man sie, einen solchen Spruch unmöglich machen würden:

«Denn in der Bibel steht geschrieben, du sollst deine Feinde lieben, damit ist gemeint der Schnupftabak und nicht das gottverdammte Jugopack»
Beitrag: "Ist die Jodlerszene rassistisch?
Daraus spricht höchste Menschenverachtung. Mehr noch: Menschenhass. Da können diese Jodler noch so urchig zäuerln, sie haben nichts begriffen. Die spirituelle Kraft eines Zäuerli hat sie nicht verwandeln können. Andächtig auf der Bühne; dumm, ignorant und böse im Alltag.

8 Kommentare:

Anonym

Der Spruch dieser Jodler war wohl nicht gerade feinfühlig, trotzdem sollte man die Realität nicht unter den Teppich wischen.
Das Wahlresultat 2011 wird die Stimmung im Land genügend verdeutlichen, da brauchts wirklich keine Jodlersprüche mehr im SF.

dab

Herr Gautschin, würden Sie Schnupfsprüche nicht als "Volkskultur" kategorisieren?
Oder sind Sie nicht vertraut mit dieser "Literaturgattung"? Es ist der Sinn eines Schnupfspruchs, schnoddrig, bitterböse und politisch unkorrekt daherzukommen.
Die "Ignoranz" ist höchstens bei den "Medienschaffenden" zu finden, die sich nicht entblöden, so einen Spruch landesweit auszustrahlen, oder bei den "Kritikern", die offenbar nicht zwischen einem Schnupfspruch und einem Parteiprogramm zu underscheiden wissen.

Hanspeter Gautschin

Nein, würde ich ganz bestimmt nicht als 'Volkskultur' bezeichnen. So stufe ich die 'Volkskultur' nicht runter. Wenn Sie meine diesbezüglichen Blogbeiträge lesen, verstehen Sie auch, was ich persönlich unter 'Volkskultur' meine. Zum erwähnten Schnupfspruch, der übrigens gar nicht neu ist, geht in voller Länge so und anstelle des "Jugopack" verunglimpften sie damals halt eine andere Minderheit... Die Zeiten ändern sich wohl nie... Hier also dieses Erzeugnis und urteilen Sie selbst:

«Hinter dicken Klosternmauern vögeln Mönche wie die Bauern, nur der Abt in seiner Zelle reibt wie wild an seiner Schelle, und er fluchte und er grollte, weil es ihm nicht kommen wollte, dann nahm er die Bibel und schlug sie sich über die Zwiebel, denn in der Bibel steht geschrieben, du sollst deine Feinde lieben, damit ist gemeint der Schnupftabak und nicht das gottverdammte Jugo-Pack.»

dab

hm, mündliche Tradition, Einbettung in ein männerbündlerisches Ritual, Zwölfzeiler und metrisch weitgehend intakt, ich würde sagen, ohne Zweifel ein Stück Volkskultur. Jeder Ethnologe, der so etwas bein einem Stamm im Himalaya oder in Papua-Neuguinea aufzeichnen könnte, würde sich glücklich schätzen.

Übrigens finden sich im indischen Yajurveda, einem der Kulturschätze der Menschheit, 3000 Jahre alt, Passagen ganz ähnlicher Derbheit.

Hanspeter Gautschin

Ja, lieber Herr DAB, da muss' ich wohl die Waffen strecken. Meine naturbedingte Beschränktheit kann sich halt nicht mit den hohen Geistesgaben von Ethnologen messen. Schade?

Melcher Weltsch

Tja, das Phänomen Schnupfspruch scheint offenbar bereits derart obskur zu sein, dass sich eine ganze Nation darüber empören kann. Recht so, denn was in so einem Schnupfspruch gesagt wird, ist natürlich unter aller Sau und überschreitet alle Grenzen, nicht nur des guten Geschmacks, sondern auch der Moral.

Und das ist genau der Sinn der Sache. Früher, als man noch wirklich katholisch war, setzte man mit so einem Spruch nicht nur den guten Ruf, sondern auch noch gleich das Seelenheil aufs Spiel. Wie dab schreibt: Ein männerbündlerisches Ritual, das mit seinem transgressiven Charakter schon fast Aspekte eines Initiationsritus aufweist. Wie immer in solchen Fällen, für Aussenstehende schockierend und erschreckend. Wie es sich gehört.

Aber um Politik oder gar Spiritualität geht es bei einem Schnupfspruch ganz bestimmt nicht. Ich empfehle eine teilnehmende Beobachtung unter Zuhilfenahme von zehn bis zwölf Kaffi Träsch. Das ergibt mitunter etwas andere Einblicke in die gelebte Volkskultur....

Priis!

Hanspeter Gautschin

@Melcher Weltsch: Natürlich brauchte es hie und da Ventile, um der Pfaffen-Moral eins ans Bein zu geben. Da ich mich jedoch gerne als unverbesserlichen Romantiker oute, gefallen mir tatsächlich die Appenzeller-Zäuerli (spirituell) mehr, als die zotigen, ausgrenzenden Schnupfsprüche, die ich übrigens als Jungspund auch gerne in feuchtfröhlicher Runde mitgrölte.

So ändern sich halt die Zeiten...

Titus

«die Realität nicht unter den Teppich wischen» hat der erste Kommentator geschrieben.

Zu dieser Realität gehört eben auch, dass sich heute solche Sprüche nicht mehr gehören. Nur hat diese Realität offensichtlich noch nicht in den Schnupfsprüchen Einzug gefunden.

Übrigens, diese Realität beinhaltet auch, dass kein Yugoslawien mehr gibt und es somit eben auch kein «Yugopack» mehr geben kann...

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