Donnerstag, 10. September 2009

Hausfrau Hannas Herkunft

„Bist du nicht die Jacqueline?“ wird Hausfrau Hanna kürzlich von einer Frau angesprochen, als sie die Tramgeleise beim Bahnhof überqueren will. „Tut mir leid, nein, ich bin nicht Jacqueline!“, beantwortet Hanna freundlich die Frage. „Komisch“, brummt die Frau vor sich hin, „ich hätte schwören können, Sie sind die Jacqueline von der Colmarerstrasse.“ Kopfschüttelnd eilt die Unbekannte weiter.

Solche Begegnungen hat Hanna regelmässig. Sie wird häufig verwechselt, was wahrscheinlich mit der Mittelmässigkeit ihres Äusseren zu tun hat. Genauso bescheiden, einfach, ja man kann sagen trivial ist auch Hannas Herkunft: Ihre Vorfahren mütterlich- und väterlichseits lebten im engen Tal oder im genauso engen Tal daneben und waren Bauern, Büezer und Posamenter. Und das seit Generationen.

Als Hanna mit ihren Geschwistern nach dem Tode von Vater und Mutter das Elternhaus räumt, findet sie zwischen den gelesenen und ungelesenen Büchern und den über die Jahrzehnte angesammelten Gegenstände mit emotionaler Bedeutung ein dünnes Ringheft, das die Mutter aufbewahrt hatte. Darin erzählt Emilie, die ein Jahr jüngere Schwester von Hannas Grossmutter, ihr Leben.
Hanna liest, wie beengt und arm, aber auch wie genügsam Grossmutter und Grosstante aufwuchsen in einer Familie mit dreizehn Kindern, von denen jedoch nur acht überlebten.
Hanna sieht das Schulkind Emilie vor sich, das trotz hellem Köpfchen und lauter Einsern im Zeugnis nicht weiter zur Schule gehen konnte, weil die höhere Schule Geld kostete. Und Geld besass man nicht.
Hanna hat einen Kloss im Hals, als sie vom Schicksal Marielis erfährt, der zweijährigen Schwester, die im Kanal, in dem die Frauen ihre Wäsche wuschen, ertrank. Und sie liest Emilies frühkindliche Erinnerung, die wach und lebendig blieb bis ins hohe Alter:

„Als ich drei Jahre alt war, wanderte mein Bruder Emil nach Amerika aus. Er schloss sich einer Bauernfamilie aus dem gleichen Dorf an, die sich in der ‚Neuen Welt’ eine bessere Zukunft erhoffte. Ich sehe jetzt noch den vollbepackten Wagen zur Abfahrt bereit stehen. Auch das Lied, das zum Abschied gesungen wurde, hat sich mir eingeprägt. Die Mutter weinte, als hätte sie geahnt, dass sie ihren Sohn nie mehr sehen würde. Obwohl Emil im Staate Iowa ein erfolgreicher Farmer wurde, kehrte er nie wieder nach Hause zurück. Zwei Jahre nach ihm zog auch der älteste Bruder Hans nach Amerika. Emil hatte ihm das Reisegeld geschickt.“
So wie Hannas zwei unbekannte Grossonkel mussten anfangs des 20. Jahrhunderts notgedrungen viele junge Menschen auswandern, ohne Option, ihre Familie und die Nächsten je wieder zu sehen. Auch vor 100 Jahren, die so weit weg scheinen heute, war das ein qualvoller Verlust: Schweres Heimweh, Unruhe, Depressionen und psychosomatische Krankheiten gehörten bestimmt zum Alltag, vor allem für jene, die sich nicht anpassen konnten oder sich schwer taten.

Beeindruckt ist Hanna auch von Emilies knappen und ehrlichen Beschreibungen aus ihrem Alltag als Ehefrau und mehrfache Mutter. Dank ihrer Fröhlichkeit und Tatkraft ertrug sie ihr nicht einfaches Leben mit einem Ehemann, der einerseits kein ‚Hockleder’ besass, andererseits aber den ‚Meister’ spielte, wenn er einmal zuhause war. Dem Frieden zuliebe lernte sie früh etwas, was Frauen vertraut war: Schlucken und schweigen anstatt Krach zu schlagen! Dann atmete sie tief durch und sang. Und das Singen half ihr, über erlittene Ungerechtigkeiten hinwegzukommen und zu ihrer naturgegebenen Fröhlichkeit zurückzufinden.

Nun liest Hanna den letzten Satz:
Und wenn einmal meine letzte Stunde gekommen ist, dann möchte ich friedlich einschlafen dürfen.
Das durfte sie: Emilie, Hannas lebensheitere Grosstante, starb mit 101 Jahren.

Die irische Sängerin Dolores Keane ist mit ihren dunkeln, ergreifenden Klangfarben die beste Interpretin für alle anfangs des 20. Jahrhunderts aus Europa emigrierten Menschen und ihre Schicksale:

Refrain:
„Sometimes when I look in my grandfather's emigrant eyes,
I see that day reflected, I can't hold my feelings inside.
I see starting with nothing and working hard all of his life,
"So don't take it for granted" say grandfather's emigrant eyes.“


3 Kommentare:

Titus

Eindrückliche Geschichte, Hausfrau Hanna.

Hausfrau Hanna

Danke, Titus!
Ja, mich beeindruckte diese kleine, Fröhlichkeit ausstrahlende Frau auch. Und tut es in der Erinnerung immer noch.
Zugleich merke ich, wieviel sich in der Spanne zwischen 1900 und und heute verändert hat. Heute ist es selbstverständlich, dass ein so intelligentes Mädchen wie Emilie eine gute Ausbildung bekommt. Ausserdem gibt es heute Stipendien.

Titus

Und nicht zuletzt hat sich auch die Gesetzgebung verändert, ich denke da insbesondere an häusliche Gewalt.

Davon war zwar nicht die Rede, aber wir wissen beide, dass diese Generation über vieles geschwiegen hatte...

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