Sonntag, 18. Oktober 2009

Gewaltverherrlichende Schriften

Weder Fernsehen, noch ballernde Computerspiele, geschweige denn bunte Schundheftli (wie die damals hiessen) belasteten mein kindliches Gemüt. Ich bin also in einer relativ heilen Welt aufgewachsen. Da kommt mir heute ein etwas abgegriffenes Schulheft unter die Finger. Ich blättere darin und schmunzle. Ich datiere dessen schulischen Inhalt ins Jahr 1964 und erinnere mich, dass wir damals in der 2. Primarklasse das Grimm'sche Märchen von Schneewittchen thematisierten. Wir spielten es dann auch als Theaterstück, wo ich die Rolle eines Hofnarren bekleidete und ziemlich viel Text zu lernen hatte.

Im besagten Schulheft finde ich nun einen Aufsatz über die böse Stiefmutter von Schneewittchen. Und da geht's so richtig zur Sache. Beispiele gefällig?

Das verfluchte Weib soll man ermorden.
Das unverschämte Weib hätte der Jäger erschiessen sollen, und nicht Schneewittchen.
Ein Diener sagt: "Ich laufe jetzt dann noch davon, wenn die verdammte Königin noch lange da ist."
In etwas holpriger Schrift, wir lernten wohl gerade die sog. "verbundene" Schrift, ergeht sich der kleine Hanspeter, damals zwischen 7 und 8 Jahre alt, in gar wüsten Ausdrücken. Wie gesagt: Ich hatte damals keinen entsprechenden Anschauungsunterricht in solchen Dingen.

Was mich noch mehr verwundert, ist die Tatsache, dass meine Lehrerin diese handfesten Ergüsse nicht entsprechend kommentierte. Im Gegenteil: Sie schrieb mir unter diesen Aufsatz ein "Sehr gut"!

Und hier noch der eindeutige Tatbeweis dieses gewaltverherrlichenden Aufsatzes (zum Vergrössern einfach entsprechendes Bild anklicken):






6 Kommentare:

Hausfrau Hanna

Ich vermute einmal,
lieber Hanspeter,
deine Unterstufenlehrerin hatte eine grosse Begabung, mit euch Kindern eine gute und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Sie muss auch eine handfeste und humorvolle Person gewesen sein. Solche LehrerInnen waren und sind Gold wert!
Mir hast du jedenfalls 5 Minuten Heiterkeit vom Feinsten beschert mit deinen ersten schriftstellerischen Versuchen:-)
Und chapeau, wie bewandert du in der Rechtschreibung warst:'Erschissen' hast du fein säuberlich eingeklammert und dann korrigiert.

Hausfrau Hanna

Es ist mir peinlich, aber ich kann es nicht lassen,
lieber Hanspeter!
Könntest du die Überschrift der Verständlichkeit halber noch korrigieren. Es sieht einfach besser aus;-)

Titus

Was für eine Wandlung Du doch durchmachen musstest, Hanspeter :-)

Interessant ist auch die Wandlung auf gesellschaftlicher Ebene. Wäre das kein «historisches Dokument», hättest Du heute wohl sowas nicht mehr schreiben dürfen...

Interessant wäre auch die Frage, ob, wer heute in jungen Jahren so schreibt, doch noch «gut rauskommt»? Ich bezweifle es, weil es heute noch soviele andere Faktoren gibt (eben z. B. TV oder Computerspiele...)

BodeständiX

@Hausfrau Hanna: Danke für die Blumen an den kleinen HP.

@Titus: Ja die Zeiten haben sich wirklich geändert. Wäre ich heute der 7jährige, dann würde mich wohl der Schulpsychologe/die Schulpsychologin eingehend untersuchen...

bobsmile

Wunderbar. Ich weiss nicht wie dieser Artikel auf jüngere Semester wirkt, in mir löste er auf jeden Fall ganz eigene (schlime) schlimme Erinnerungen an die Primarschulzeit aus.
Ha, ha, hi, hi.

BodeständiX

@bobsmile: Darüber möchte ich gerne mal in Deinem Blog lesen.

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