Scherenschnitte: Weltklasse aus der Schweiz
Jetzt, wo die Abende wieder länger werden, wäre doch der beste Moment, sich kulturell zu betätigen. Ganz im volkskulturellen Sinne: Selber machen, ausprobieren, mit eigenen Zutaten würzen. Weshalb nicht wieder einmal zur Schere und zu Papier greifen? Scherenschnitte anfertigen? Vielleicht zusammen mit den Kindern, mit den Nachbarn?
Der Brauch, geschnittenes Papier zu bildnerischen oder dekorativen Zwecken zu verwenden, stammt aus dem Orient und wurde in Mitteleuropa nach 1600 bekannt. Man begeisterte sich damals für das Schattenspieltheater aus Persien und aus der Türkei und lernte durch das Schneiden von Figuren und Szenerien aus Papier die Technik kennen. Daraus entwickelte sich eine eigentliche Liebhaberkunst.
Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich in der Schweiz ein eigener, wenn auch regional unterschiedlicher, typischer Scherenschnittstil entwickelt. Besonders geprägt wurde dieser Stil durch Johann Jakob Hauswirth (s. Abbildungen), welcher 1809 in Saanen geboren wurde und 1871 in der Nähe von L'Etivaz verstorben ist. Hauswirth war ein Künstler, über den man nichts oder fast nichts genau weiss. Wie man vermutet, ist er im Simmental (Garstatt) aufgewachsen und lebte später auch im Pays-d'Enhaut. Als Taglöhner ging er von Bauernhof zu Bauernhof oder arbeitete auch als Köhler in den Wäldern von "Rodomont" (Grossenberg) über Rougemont. Er erschien und fragte nach einer Unterkunft für die Nacht und als Dankeschön schenkte er jeweils seinen Gastgebern ein ausgeschnittenes Bildchen, welches oftmals als Buchzeichen im Gebetsbuch oder in der Bibel gebraucht wurde. Hauswirth's Erfindungsgeist und Entdeckungslust waren sehr gross und er schuf auch sehr viele farbige Scherenschnitte. Schon früh verliess er die traditionelle Symmetrie um freier gestalten zu können. Trotzdem blieben die Kunstwerke sehr ausgewogen und nur ein geübter Beobachter konnte auf Anhieb erkennen, dass es sich nicht um rein symmetrische Bilder handelt. Unübersehbar und für Hauswirth sehr typisch sind die zahlreichen Darstellungen von Pforten und Toren – man ist versucht, diese Darstellungen als Symbol seiner Werke zu sehen.
Bilder: Scherenschnitte von Johann Jakob Hauswirth (Privatarchiv HpG)
Scherenschnitte haben in den letzten Jahren Tausende von Bewunderern hervorgerufen. Die Zahl der Künstler/innen, die es verstehen, mit Schere und Papier umzugehen, hat sich vervielfacht. Der traditionelle Bauernscherenschnitt wird heute jedoch mehr und mehr zurückgedrängt. Zeitaktuelle Themen oder auch die Märchenwelt werden vermehrt ins Papier geschnitten. Immer besseres technisches Material hat den Scherenschnitt verfeinert. Doch es ist die Begabung, die unermüdliche Formerfindung und Gestaltungskraft, die auch den Künstler/die Künstlerin von heute auszeichnen. Das Zentrum der Scherenschnittkunst liegt übrigens nach wie vor im Kanton Bern und im angrenzenden Pays-d'Enhaut. Wenn auch viele Künstler/innen aus dieser Region noch eng mit der Tradition verbunden sind, haben es andere nicht nur technisch, sondern auch in der Formerfindung zu einer fast unübertrefflichen Meisterschaft gebracht.
Die internationale Fachwelt – im Gegensatz zur schweizerischen – ist sich übrigens einig: Die Schweizer Scherenschnittkünstler/innen sind Weltklasse in dieser (Volks-)Kunstsparte. Beispielsweise hängen Scherenschnitte des bekanntesten lebenden Scherenschnitt-Künstlers Ernst Oppliger im wohl bedeutendsten Museum für Design und Kunsthandwerk: im Cooper Hewitt National Design Museum in New York.
Aktuelle Ausstellung von Ernst Oppliger
Kutscherhaus Südhang, Kirchlindach
10.10.2009 - 1.11.2009







8 Kommentare:
Ernstaunlich, das jemand, der handwerklich tätig war, etwas so Feines hinkriegte.
Zwei Fragen, die Du vielleicht beantworten kannst:
1) Wie kamen die Farben aufs Papier?
2) Wie stand es damals mit der Qualität der Scheren? (seit wann gibt es diese überhaupt?)?
Entsprechende (römische) Scherenfunde werden ins 2. bis 3. Jh. n. Chr. datiert. Vermutlich gab es auch schon früher scherenähnliche Werkzeuge.
Dass damals zu Hauswirth's Zeiten die Scheren sicher nicht die gleiche Qualität aufwiesen wie die heutigen, belegt für mich zusätzlich das Genie eines Hauswirth's. Wie er allerdings mit den vielen Farben hantierte, entzieht sich meinen Kenntnissen. Ich weiss nur, dass er sich immer wieder von "Spezereiläden" farbige Glanzpapiere und Tapetenreste schenken liess. Kleiner Tipp: Frag' doch mal den Scherenschnittkünstler Ernst Oppliger: info (ät) ernst-oppliger.ch
Die Scherenschnittkunst in der Schweiz wäre eigentlich ein spannendes Forschungsgebiet für KunsthistorikerInnen. Das spärliche Wissen darüber stammt - wie praktisch bei allen volksulturellen Ausdrucksarten - von Privatforschern (z.B. Prof. Dr. Theo Gantner, Fritz Hobi, Christoph Bernoulli).
Danke für den Basteltipp. Ist schon toll, diese Scherenschnitttechnik. Wenn ich es den Bildern richtig entnehmen kann, wurden die farbigen Teile erst nachträglich angebracht. Der Scherenschnitt bildet sozusagen den Hintergrund, und die farbigen Erweiterungen lassen das Bild plastischer wirken. Richtig?
@bobsmile: Das könnte wohl die Lösung sein. Ich kann's leider nicht nachprüfen, weil ich nicht im Besitze der Originalscherenschnitte bin, sondern nur ein altes Buch mit entsprechenden Illustrationen habe.
wunderschön
Deiner Artikel, hat mir gut gefallen!
Ich habe übrigens wunderschöne Scherenschnitte in Polen kennengelernt, dort ist das Handwerk wie im restl. Osteuropa noch lebendig. Es werden nicht nur Bilder geschnitten, sondern ursprünglich vor allem Gardinen (für die Armen) und die "Welt", ein magischer bunter Lüster zum Aufhängen an einer Lampe, Symbol der Weltenmitte. Überhaupt viel Quietschbuntes gegen die elend langen dunklen Winter!
Feine Fotos gibt's aus einem Museum hier http://bit.ly/TdeI3 und bei Wikipedia ein Foto eines komplett ausgestatteten Heiligenwinkels http://bit.ly/2ovhzC
Würde mich mal interessieren, ob es Verbindungen zw. Schweiz und Osteuropa geschichtlich gibt oder ob die Scherenschnitte einfach den langen Wintern geschuldet sind?
"Feiner Artikel" soll das heißen...
@Petra: Schön, dass Du mein Blog entdeckt hast. Danke.
Ob es (geschichtliche) Verbindungen zu Osteuropa gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Vor ein paar Jahren knüpfte ich mal Kontakte (inkl. einer kunsthandwerklichen Ausstellung in Burgdorf) zu den baltischen Staaten. Doch leider ging's nicht weiter, weil die entsprechenden Gelder nicht gesprochen wurden. Leider bezeichnend für die Schweiz. So wie die "KulturfördererInnen" nur die "Kultur" fördern, die ihnen passt (und da beisst sich nun die Katze in den Schwanz), so ist's halt auch bei den Forschungsgeldern. Da wird halt kein müdes Fränkli fürs kulturelle Erbe aufgewendet (mit ein paar ganz wenigen Ausnahmen). So funktioniert halt diese (gewollte?) Planwirtschaft. Es wird nur geforscht, wo's auch Gelder abzuholen gibt; do. bei der künstlerischen Arbeit.
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