Dienstag, 24. November 2009

Volksmedizin - nur Kurpfuschertum?

Foto gefunden auf pixdaus.com

Wenn das Novemberwetter so richtig Einzug hält, stehen auch schon Grippe und Erkältungskrankheiten vor unserer Haustüre. Sogar die Schweinegrippe soll sich jetzt pandemieartig in der Schweiz ausbreiten. So wenigstens nach den Ausführungen des Bundesamtes für Gesundheit. Doch wie schützten sich früher die Leute vor diesen unangenehmen Novemberviren?

Da kommen wir ganz schnell zu einer weiteren volkskulturellen Disziplin: Die Volksmedizin. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst und in jeder Kultur beheimatet. Die Volksmedizin ist die Überlieferung medizinischer Kenntnisse von einer Generation auf die andere. Sie ist auch die Basis der heutigen Schulmedizin und findet ihre Wurzeln in dem Erkennen und Beobachten tierischer Instinkthandlungen. Im Gegensatz zum Menschen wissen sich die meisten Tiere instinktiv zu helfen. So fressen beispielsweise Schafe Efeublätter, wenn sie Magenbeschwerden haben. Hunde wenden sich eher der Quecke (Pflanzenart aus der Familie der Süssgräser) zu, um ähnliche Probleme zu bekämpfen, während Pferde sich bestimmte Baumrinden aussuchen. Diese tierischen Verhaltensweisen haben sich vor Urzeiten bereits interessierte Menschen zu Nutzen gemacht und daraus die ersten Pflanzenheilmittel entwickelt. Über die Jahrtausende hinweg kamen dann ständig neue Erkenntnisse und Erfahrungsberichte hinzu und auch heute ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen, wie uns die weltweite Forschung in allen Bereichen der Naturheilkunde zeigt.

Die Trennung zwischen Volksmedizin und akademischer Schulmedizin setzte erst im 19. Jahrhundert ein. Mit der Entwicklung chemischer Medikamente wurden die altbekannten Heilmittel der Volksmedizin, die stets eng mit der Pflanzenheilkunde verbunden war, in den Hintergrund gedrängt. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat wieder eine Rückbesinnung auf die alten Hausmittel eingesetzt. Dies zeigt auch die steigende Zahl von Heilpraktikern und Naturärzten in unserem Land, die sich keine Sorgen über Patientenmangel machen müssen.

Natürlich tummelten (und tummeln!) sich auch gerne sogenannte „Quacksalber“ auf dem Gebiet der Volksmedizin und versprachen ihren Gläubigen gerne wundersame Heilungen. Deshalb kann es uns nicht erstaunen, dass im bereits erwähnten 19. Jahrhundert die damalige Ärzteschaft dieses bunte Treiben heftigst angegriffen und als Kurpfuschertum angeprangert hat. Ob sich allerdings die Ärzte dabei nur ums Wohl der Bevölkerung sorgten, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr wurden wohl auch damals die Heilkundigen eher als lästige Konkurrenz betrachtet. Die Vertreter der ärztlich-naturwissenschaftlichen Medizin grenzten sich deutlich von den Methoden und Ansichten der Nicht-Ärzte ab. Die häufige Verwendung von Begriffen wie Kurpfuscher, Afterärzte oder Charlatane für Laienheiler diente demselben Zweck. In dieselbe Richtung zielte übrigens auch Jeremias Gotthelf in seinem Roman „Anne Bäbi-Jowäger“.

Wenn ich als Kind an Grippe erkrankte, wusste meine Mutter immer ein wirksames Mittelchen dagegen. Essigsöckchen senkten das Fieber, ein Haferschleimsüppchen beruhigte meinen Magen und ein ungesüsster Lindenblütentee liess mein hartnäckiges Husten bald verschwinden. Meine Mutter lernte dies übrigens von ihrer Mutter und ich hoffe doch sehr, dass diese Weitergabe auch in der heutigen Zeit nicht zum Erliegen kommt.

4 Kommentare:

Hausfrau Hanna

Ach ja, an die 'Essigsocken' erinnere ich mich auch,
lieber Hanspeter!
Ich mochte sie nicht, weil sie zu kalt waren und so säuerlich rochen.
Bestimmt half auch diese 'innere Abwehr' mit, dass ich jeweils ganz schnell wieder gesund wurde...

Titus

Ich kann mich voll und ganz den Worten von Hausfrau Hanna anschliessen. Diese stinkenden Dinger mochte ich auch nicht...

Zum Heute: Internet wäre ja ein gutes Mittel, solche altbewährten Rezepte zu verbreiten und wieder populär zu machen.

Kennt jemand vielleicht eine entsprechende Website?

BodeständiX

Ja, die Essigssöckchen. Ich hatte damit eigentlich keine Probleme. Ich genoss vielmehr den Effekt, dass das leidige Fieber runterging.

@Titus: Natürlich gibt es haufenweise Websites mit alten Hausmittelchen. Doch werde ich mich hüten, entsprechend zu verlinken. Sonst komm' ich noch in den Genuss von Schadenersatzklagen...

bobsmile

Söckchen? Meine Mutter verpasste mir immer gleich ganze Wadenwickel bis zu den Knien.
Mit 7 Jahren erlitt ich dann einen ziemlichen Hausmittelschock. Wegen endzündetem Zahnfleisch musste ich nämlich einen halben Tag lang einen Kamillenteebeutel zwischen Zahnfleich und Backe eingeklemmt im Mund behalten. Ob er genützt hat? Weiss ich heute nicht mehr. Was ich aber weiss, ihr könnt mich mit Kamillentee jagen, ich bekomme schon allein vom Geruch nach Kamille das Würgen ...

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