Wer soll in Zukunft all' die vielen AkademikerInnen beschäftigen?
Foto gefunden auf pixdaus.com
Europaweit - sogar in der Schweiz - protestieren zahlreiche Studierende im Rahmen einer internationalen Aktionswoche "Education is not for sale". Sie kritisieren dabei insbesondere die Bologna-Reform, die allgemeinen Tendenzen zur Ökonomisierung der Hochschulen, undemokratische Strukturen, die Untervertretung von Frauen bei Professuren und Leitungsfunktionen, Studiengebühren sowie die schlechten Studien- und Arbeitsbedingungen.
In vielen Blogs wird eifrig darüber diskutiert. Soll ich mich da auch noch einklinken? Nein, ganz sicher nicht. Dazu fehlt mir eindeutig der Bezug. Bekanntlich hat sich BodeständiX nie durch Hörsäle gequält. Das war ihm zuwider, weil er sich seit seiner Kindheit als Autodidakt verstanden hat. Lernen ist reine Privatsache, war immer schon sein Credo gewesen. Mit allen Nachteilen...
Doch wieder zurück zur Aktionswoche. Möglicherweise steckt dahinter ein weiteres Unbehagen, welches die Studierenden auf die Barrikaden getrieben hat: Ihre prekären Arbeitsplatzmöglichkeiten in einer krisengeschüttelten Welt. Wenn ich daran denke, wie viele Studierende Politik- und Medienwissenschaften belegen, obwohl heute praktisch niemand nach Politologen und Medienwissenschaftern ruft (Kunststück beim momentanen Sterben der Holzmedien!), finde ich diesen Umstand zumindest sonderbar.
In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts war übrigens ein Archäologiestudium äusserst beliebt, obwohl die entsprechenden Berufsaussichten damals mehr schlecht als recht gewesen sind. Da hatte ich berufliche Kontakte zu einem Archäologen, der allerdings als Kunstschmied allerlei Replikate (Waffen, Schmuck, Rüstungen) anfertigte, sie auch bestens verkaufte und entsprechende Workshops gab. Sein Archäologiestudium kam ihm dabei sicher zugute. Er sagte zu mir: "Weisst Du, anstatt als arbeitsloser Archäologe auf die wenigen Aufträge von Kantonsarchäologien (vergeblich) zu warten, habe ich einfach mein handwerkliches Talent verfeinert und bin damit auf allen Ebenen gut gefahren, auch finanziell...
In den nächsten Jahren werden die Berufsaussichten für AkademikerInnen äusserst schlecht sein. Dazu brauche ich wohl nicht ein grosser Seher zu sein. Vergewissern wir uns nur einmal, wer AkademikerInnen heute beschäftigt:
Der grösste Arbeitgeber ist wohl überall der Staat. Je komplexer dieser wird und je mehr er sich auflädt (aufladen muss), umsomehr braucht er auch davon
Danach kommen die globalen Konzernzentralen. Dort ist üblicherweise die „Intelligenz“ konzentriert: Bürokratie, Entwicklung, Marketing, Finanzierung
Dann alle, welche mit dem Staat oder den Konzernzentralen wesentlich zu tun haben. Etwa Steuerberater, Anwälte, Lobbyorganisationen etc.
Forschungsintensive und High-Tech-FirmenWer beschäftigt kaum AkademikerInnen:
HandwerksbetriebeWir stecken in einer Zeitenwende. Die Dinosaurier müssen abspecken, möglicherweise sogar verschwinden. Die Staatswesen sind massivst überschuldet. Ein Zurückzahlen dieser Schulden wird kaum möglich sein. Es verbleiben also nur Staatsbankrott und/oder Währungsschnitt.
Generell kleinere Firmen
Wer soll also in Zukunft all' die vielen AkademikerInnen beschäftigen?






8 Kommentare:
Auch für KMU's ist die Welt gerade auch wegen den von Dir genannten Gründen (komplexeres Umfeld/Staat) nicht einfacher geworden.
Ich denke daher, dass das grosse Potential eben gerade bei den Handwerksbetrieben und den generell kleineren Firmen liegt.
Das heisst, die Rolle der Studienabsolventen ändert dadurch: Wer ein Studium beginnt im Glauben, er würde morgen in einer grossen Organisation arbeiten, muss wohl umdenken, auch gerade wegen des «Überschusses» an «Gleichstudierten».
Zu den Grossen gelangt morgen nur, wer ziemlich gut abschliesst oder sich aus einer kleineren Organisation heraus Respekt verschaffen kann und entsprechende Angebote erhält.
Mit anderen Worten: Das umgemodellte Ausbildungssystem ist nur ein Teilchen dieses Veränderungsprozesses. Weitere werden zwangsläufig folgen.
Nicht vergessen: Eine Menge AkademikerInnen sind Freiberufler oder beschäftigen selbst andere Menschen. Und manche fahren Taxi und leeren Mülltonnen. Viele Akademiker gehen zum Arbeiten ins Ausland, wo sie noch gebraucht werden. Ein Studium war noch nie ein Freischein für eine Anstellung!
Ich empfinde die Überbetonung von Leistung in unserer Gesellschaft ebenfalls als gefährlich (und die gleichzeitige Entwertung anderer Abschlüsse). Aber Tatsache ist doch, dass von Arbeitslosigkeit und fehlenden Zukunftsperspektiven genau die Menschen zuerst und am härtesten getroffen werden, die am wenigsten an Bildung teilhaben können oder über keinerlei Ausbildung verfügen. Und global betrachtet hängen der Zugang zur Bildung und Armut zusammen. Kommt der Teufelskreis hinzu, dass sich Krisengebiete meist dort bilden, wo die Menschen ungebildet und arm sind. Das spitzt sich zu.
Dass dieser Zugang zu Bildung und damit größeren Chancen in manchen Ländern (wie z.B. Deutschland) an den sozialen Status der Eltern gebunden ist - daran müsste man heftig rütteln (und andere Länder machen Chancengleichheit ja vor). Und wenn Politiker auch nur ein wenig Willens wären, lägen jede Menge neuer Jobs regelrecht auf der Straße, Jobs, die es noch gar nicht gibt (ich denke z.B. an Umweltschutz).
Ich denke, das Problem an den Unis derzeit dreht sich auch um den verschulten Leistungswahn, der mit Lernen fürs Leben und Persönlichkeitsentwicklung nichts mehr zu tun hat. Früher hat diese Freiheit dazu geführt, dass Akademiker sich im Leben auch besser durchwurschteln konnten, wie jener Archäologe. Sagt eine, die auch schon den dritten oder vierten Beruf hat ;-)
Ich mache mir eher Sorgen, welche Zukunftschancen ungelernte Hilfsarbeiter noch haben werden in einer Gesellschaft, in der manuelle Arbeit langsam überflüssig wird...
In meinem Heimatkanton haben wir die tiefste Maturitätsquote in der ganzen Schweiz (bei uns hat die dafür die Berufslehre einen sehr hohen Stellenwert). Und darüber machen sich jetzt ein paar Politiker ziemlich Sorgen. => Man überlegt sich sehr ernsthaft, wie man die Maturitätsquote heben soll.
Und ich frage mich, ob ich im falschen Film gelandet bin.
@Alle: Danke für Eure Kommentare. Ich möchte hier ganz zaghaft einwerfen, dass ich eigentlich meinte, dass es nächstens mit der globalisierten Wirtschaft total den Bach runtergehen wird. Glaubt mir, dann sind wieder handwerkliche und andere bodenständige Fertigkeiten gefragt. Wohin hat denn unsere Superbildung (für Alle, war ja mal der Slogan) geführt: Zur Fachidiotie. In meinem beruflichen Leben, das mich immer wieder in akademische Kreise führte, habe ich so Einiges erlebt. Besser: Erlitten. Und manchmal - und jetzt werde ich richtig böse - sage ich mir: Die kommende Depression wird vieles wieder zurechtrücken. Vor einem Jahr meinte ich noch: Hoffentlich irre ich mich. Heute bin ich mir sicher: Ich irre mich nicht.
@ Hanspeter
Ich glaube nicht, dass die nächste Depression vieles wegwischen wird. Solange in den Führungsetagen ausschliesslich oder mehrheitlich Akademiker sitzen (Vorsicht, dieser Begriff ist seeehr weitläufig), werden diese schon für den «Erhalt» Ihresgleichen sorgen...
In diesem Zusammenhang ist ja auch bekannt (aber wenig diskutiert), dass die Studentenverbindungen auch nach dem Studium eine sehr wichtige Rolle spielen...
Wenn sich wirklich etwas ändern soll, dann sollte das m. E. über Fächer erfolgen, welche sich eben nicht so einfach in ein Bewertungssystem quetschen lassen und vor allem den Charakter formen sollten (an Charakter mangelt es heute ja oftmals in der Wirtschaft :-( )
@Titus: Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her. Wenn der Kopf mit dem Denken aufhört und nur noch stupide mechanischen ökonomischen Spielregeln folgt, wird auch bald die Studentenschaft mit dem Denken aufhören... und das haben wohl (ich hoffe es) jüngst die Studierenden erkannt.
Vielleicht noch dieser Hinweis zur 'Depression', damit wir uns keinerlei Illustionen hingeben können:
"Eine Depression ist ein massiver Wirtschaftseinbruch mit massiven Vermögensverlusten. Dabei schrumpft die heutige, starke Arbeitsteilung. Alle nicht notwendigen Ausgaben werden wegen Geldmangels zurückgefahren. Nur eine kleine Elite, die sich richtig verhält, profitiert massivst und kann alle Werte zu Niedrigstpreisen aufkaufen... "
Mann, das macht mich ganz depressiv hier. ;)
Also ich finde es gut, dass in den letzten Jahren die Berufslehre an Stellenwert zugenommen hat. So muss dank Berufsmaturität das Einschlagen des Wegs zum Erlernen eines handwerklichen Berufs nicht automatsch das Ende einer späteren akademischen Laufbahn bedeuten. Aber er ist hart und steinig, bietet aber eine solide Grundlage für das reale Leben. Und sollte man den Ansprüchen nicht gewachsen sein, bleibt einem die solide handwerkliche Ausbildung.
Mein Apell an Industrie, Wirtschaft und vor allem KMUs. Schafft Lehrstellenplätze und ermöglicht den Jugentlichen diese Perspektive der Berufsmatura. Denn das ist aktive Nachwuchsförderung im Bereich der Handwerksbetriebe!
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