Montag, 21. Dezember 2009

Medienvielfalt, letzter Teil

So schickte ich also die Kopie des Fragebogens an die Chefredaktorin Toya Maissen von der Basler AZ. Dann meinte ich noch, man hat ja nie genug, dass dieser unglaubliche Fall zu Waldenburg auch national besprochen werden müsste. Wer würde sich wohl dazu eignen? Natürlich die Tat (Migros), welche damals als Boulevardblatt in Konkurrenz zum Blick erschien. Roger Schawinski war ihr streitbarer Chefredaktor, der die Konsumenten informieren und schützen wollte sowie einige Skandale aufdeckte.

Die zweite Kopie liess ich also unserem "Roschee national" zukommen. Und was dann folgte, war für mich ein einmaliges Lehrstück (noch) funktionierender 4. Gewalt. Die Toya und der Roschee rissen das Ganze gekonnt an. Schrieben von Leibeigenschaft der Uhren-Büezer. Vergassen auch nicht, dem übermächtigen Verwaltungsratspräsidenten und Vater des Direktors einen gehörigen Hieb ans Bein zu geben. Machten im gleichen Aufwisch auch noch auf das von diesem Clan unterdrückte Buch des Schriftstellers Jakob Bührer aufmerksam (Bührer heiratete nämlich 1921 in diesen Clan ein und schrieb ein Buch darüber). Kurzum: Recherchier-Journalismus vom Feinsten. Und es ging noch weiter: Beide Zeitungen riefen zu einer Protestkundgebung auf und die passierte dann auch tatsächlich. Mit grossen Transparenten protestierten vor den Toren der Uhrenfabrik einige hundert Leute. Zu dieser Zeit waren wir in der Nordwestecke nämlich Profis in der Inszenierung von publikumswirksamen Demonstrationen (AKW-Bewegung). Die Zeitungsmacher nützten diese Demo zusätzlich noch für die Propagierung ihrer eigenen Produkte und ich weiss aus verlässlichen Quellen, dass damit die Basler AZ beispielsweise einige Zusatz-Abonnenten aus dem Waldenburgertal akquirieren konnte.

Der kaufmännische Direktor keifte noch ein bisschen herum und strich dann resigniert die Segel. Doch er liess immerhin drohend verlauten, den Urheber dieser gezielten Aktion ausfindig zu machen und ihn höchstpersönlich "an den Galgen" zu liefern...

Mit zwei einfachen Briefen an die Presse - mit dem Hinweis, dass die mehrheitlich bürgerliche Presse an einem solchen Primeur aus verständlichen Gründen nicht interessiert sei -  war es mir damals möglich gewesen, eine Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Beim heutigen Medien-Einheitsbrei wäre solches nicht mehr denkbar. Schade, denn gerade in heutigen turbulenten Zeiten wäre eine funktionierende 4. Gewalt dringendst nötig.  Doch eben: Die vierte Gewalt hat vor Jahren schon endgültig abgedankt.

PS: Viele Jahre später habe ich dann mit eben diesem Direktor ein paar Fläschchen Wein gezwitschert und in weinseliger Stimmung das Gespräch sachte auf diese Aktion gelenkt. Der Direktor i.R. seufzte nur und meinte, dass er da wohl den Bogen überspannt hätte. Er wollte damit einfach seinem Vater beweisen, dass er denn auch "Pfeffer im Arsch" hätte. Es würde ihn immer noch interessieren, wer der Urheber dieser grossangelegten Aktion gewesen sei. Der habe immerhin etwas von Propaganda verstanden... (nein, ich habe mich nicht geoutet!)

6 Kommentare:

Titus

Na das ist eine schöne Geschichte.

Übrigens, wenn die 4. Gewalt nicht mehr so tut, wie wir uns das wünschen, dann braucht's manchmal halt die 5. Gewalt: Blogs. Das hat's ja auch schon gegeben, dass Blogs eine "Ungerechtigkeit" aufgriffen und es erst dann von den Massenmedien aufgenommen wurde.

BodeständiX

@Titus: Blogs könnten tatsächlich zur 5. Gewalt werden. Im Moment haben sie allerdings - meine persönliche Meinung - noch nicht die entsprechende Sprengkraft. Ausser, die BloggerInnen würden sich gemeinsam gegen oder für Etwas einsetzen. Doc, wenn die Holzmedien nicht darauf reagieren, fehlt halt immer noch die Massen-Öffentlichkeit, was ja die "Elite" fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser...

Hausfrau Hanna

Oh, da hätte nicht viel gefehlt und du wärst am Galgen gelandet,
lieber Hanspeter ;-)
Und ein bisschen bleibt mir schon das Maul offen, wie strategisch fein und clever du das eingefädelt hast.
Mich nähme zum Schluss noch Wunder, was dein Vater zu dieser Aktion gesagt hat und ob er senkrecht vor den Toren der Fabrik mitprotestiert hat...

BodeständiX

@Hausfrau Hanna: Auch meinem Vater habe ich nichts von meiner Aktion gesagt. Er hat sie einfach staunend zur Kenntnis genommen und trocken gemeint, dass für einmal die Sozis (die ganz Roten) etwas Brauchbares gemacht hätten...

antoine

@BodenständiX
Die Bastelmutis von Pfotenfrei.de machen vor wie das mit der 5 Kraft funktioniert.
Davor war der Trainer Balde, wer sich noch daran erinnern mag.
http://etsyforeveryone.typepad.com/pfotenfrei/
PS: Das Ganze erinnerten ein weing an einer Greenpaceaktion aus der KOGRU-Zeit

BodeständiX

@Antoine: Eine kleine Verständnisfrage: Was genau war die "KOGRU-Zeit" #Greenpeace?

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