Dienstag, 31. März 2009

Eine saftige Lektion

Da meinte ich doch immer, dass ich weder überheblich, noch hoffärtig, geschweige denn elitär bin. Ich ärgere mich höchstens über solche Zeitgenossinnen- und genossen, die sich so furchtbar g'scheit aufführen! In irgendwelchen klugen Büchern habe ich gelesen, dass die Umwelt mir durchaus Spiegel sein kann. Also müsste doch in mir auch zumindest ein nano-klitze-kleines Quentchen Überhebliches stecken. Doch ich glaube, das trifft höchstens auf ANDERE Mitmenschen zu. Unmöglich kann ICH davon betroffen sein.

Auf meinem allmorgendlichen Waldspaziergang begegnen mir regelmässig zwei Damen mit ihrem Hund. Und der Hund, dieser elende Köter, bellt und knurrt mich regelmässig an. Und das mich. Ich mit meinem guten Draht zu Tieren! Weshalb mag er mich nicht? Das geht nun schon seit Wochen so. Die beiden Damen, sie wohnen ganz in der Nähe von mir, sind etwas spezieller Natur. Nicht gerade mit den höchsten intellektuellen Weihen gesegnet, "etwas" aus dem Leim geraten, die seltsamsten Kleider tragend und vor allem: Ausgestattet mit einer Anti-Nachtigall-Stimme.

Heute morgen nun hab' ich mir ein Herz gefasst und den Hund ganz direkt gefragt, weshalb er mich nicht ausstehen kann. Seine Antwort verblüffte mich: "Du lachst meine beiden geliebten Frauchen aus. Das dulde ich nicht!"
ICH? Sie auslachen?

Plötzlich dämmert es mir und ich senke schuldbewusst meinen Kopf. Doch, doch, wo er Recht hat, hat er Recht. Ganz tief unten, meinem Zugriff fast entzogen, bemerke ich ein überhebliches Lächeln. Genau dieses Auslächeln, das mich ansonsten bei Anderen so auf die Palme bringen kann, ist auch in mir beheimatet. Diesen beiden Frauen, die aus den üblichen Normen fallen, fühle ich mich überlegen. Und lächle sie regelmässig aus - bisher - zu meiner Entschuldigung - unbewusst. Dank dieses Hundes, der mir eine zünftige Lektion verabreichte, ist's mir endlich bewusst geworden. Jetzt bin ich gespannt, ob ich diesen Frauen inskünftig so begegnen kann, wie mir begegnet werden soll. Der Hund wird mir das schon zeigen. Tiere sind, sofern man sie verstehen will, IMMER sehr direkt.

Montag, 30. März 2009

Die Stimme des Ursprünglichen

Kürzlich ist mir ein Buch aus meiner Kindheit in die Hände gefallen. Es heisst "Ein Jahr als Robinson" (Originaltitel "My Side of the Mountain") und wurde geschrieben von der US-Kinderbuchautorin Jean Craighead George, geb. 2. Juli 1919. Ich war gerade mal acht Jahre alt, als mir meine Mutter dieses Buch schenkte. Es begleitete mich durch die Kinderjahre, denn immer wieder las ich darin, obwohl ich das Buch bereits in- und auswendig kannte. Es erzählt die Geschichte des New Yorker Sam Gribley, der in die Catskillberge auszog, um das Leben in der Wildnis (outdoor, wilderness) zu proben. Das im Einverständnis mit seinen Eltern! Das Buch ist sehr wirklichkeitsnah geschrieben, ich selber lernte daraus viel Wertvolles, z.B. wie ich unter misslichen Umständen Feuer mache. Es erstaunt daher nicht, dass die Autorin als Kind und Jugendliche selbst viel Zeit in der Wildnis zugebracht hat.

Ob dieses Buch heute noch von Kindern gelesen wird, weiss ich nicht. Ich selber würde das natürlich begrüssen. Dieses Buch ermuntert nämlich seine junge Leserschaft, ein eigenständiges Leben zu führen, dem Ruf des Herzens zu folgen, die "Wildnis" (Natur) zu entdecken und zu lieben, mit einfachsten Mitteln auszukommen, den Reiz des Alleinseins kennenzulernen und zu merken, wie wenig Materielles wir brauchen, um glücklich zu sein.

Hier habe ich noch einen Link zur Website der Autorin, die übrigens eine stattliche Zahl Bücher geschrieben hat, die mehrheitlich die Themen Kindsein, Natur und Tier zum Inhalt haben. Wahrlich wohltuend, solche Bücher zu lesen, welche die magische Erlebenswelt der Kinder so beschreiben, als wäre man selbst mittendrin im Geschehen.

Rückblickend möchte ich an dieser Stelle der Autorin mein herzlichstes Dankeschön für dieses ausserordentliche Buch aussprechen, welches nicht nur meine Kinderzeit, sondern mein ganzes Leben bereicherte. Trotz meiner verschiedenen Ausflüge in teils "sehr künstliche Welten" hat mich die Stimme dieses Buches immer wieder zum Ursprünglichen, Natürlichen zurückgeführt.

PS: Nette Randbemerkung dazu: Dieses Buch wurde übrigens vor genau 50 Jahren erstmals veröffentlicht.

Sonntag, 29. März 2009

Kultivierung des Alltäglichen

Ich bin in der glücklichen Lage, eine Nachbarsfamilie zu haben, die mir in den letzten fünf Jahren Lehrmeisterin für so Manches geworden ist. Diese Nachbarsfamilie lebt eine verschworene Gemeinschaft. Sie sind Besitzer einer Getränkehandlung, versorgen das Dorf und die angrenzenden Dörfer mit köstlichem Nass und das mit wirtschaftlichem Erfolg seit über 30 Jahren. Daneben sind sie noch Teil-Selbstversorger. Unterhalten einen grossen "Pflanzplätz", halten sich "Tablarkühe" (Kaninchen) und heizen mit Holz. Fast hätte ich es vergessen: Sie helfen ihrem Bruder/Schwager/Onkel tatkräftig beim Bauern - und das in hoher landwirtschaftlicher Kompetenz. Nicht verschweigen möchte ich, dass sie mir beim Umbau unseres Hauses mit fachkundigem Rat und vor allem Tat beigestanden sind. Trotz dieses von Aussen gesehen grossen Arbeitspensums habe ich sie nie, auch gar nie, gestresst erlebt. Im Gegenteil.

Ab und zu helfe ich dem Nachbarn beim Ausführen der Getränke. Und ich mache das, obwohl diese Arbeit körperlich ziemlich anstrengend ist, sehr gerne. Überall, wo wir auftauchen, sind wir gern gesehen. Fritz, so heisst mein Nachbar mit Vorname, hat mich mit seinem Beispiel gelehrt, wie anstrengende Arbeit ohne körperlichen Verschleiss zu bewältigen ist: Bedächtiges jedoch stetes Arbeiten. Immer wieder eine Pause einlegen. Und vor allem: Nicht den ganzen Tag Serienarbeit abliefern, sondern sich Zeitnischen für andere Arbeiten und Pausen schaffen.

Mir persönlich gelingt es noch nicht ganz. Immer wieder passiert es mir, dass ich Stunden um Stunden an einer Computerarbeit hocke, um am Abend ernüchtert festzustellen, dass ich wohl Stunden gebolzt habe, das Arbeitsergebnis mich jedoch nicht befriedigen kann.

Ganz anders Fritz. Er macht spätestens um 6 Uhr abends Feierabend. Gut, im Sommer kann es länger dauern, weil die Feld- und Gartenarbeit solches bedingen. Die Familie nimmt nach 6 Uhr das gemeinsame Abendessen ein, höckelt noch ein bisschen am Küchentisch und erzählt einander von den Erlebnissen des Tages. Und da kommt doch Einiges zusammen.

Für mich ist es immer wieder spannend, Fritz zuzuhören, wenn er über seine Getränketouren berichtet. Obwohl die seit Jahr und Tag immer die Selbigen sind, gleichen sie sich jedoch nicht. Kürzlich habe ich mit ihm einen Aussteller an einer Baumesse in Bern mit Getränken beliefert. Es war jedes Mal ein grosses Abenteuer, die Securitas-Leute mit sanfter Wortwahl einzulullen, damit wir mit dem Lieferwagen die für uns günstigste Einfahrt wählen konnten. Das klappte vorzüglich und wir konnten uns danach bei einem Bierchen köstlich darüber amüsieren.

Ach ja, der Fritz ist auch ein Computerspezialist. Trotz seines Alters hat er das altertümlich wirkende Getränkeprogramm bestens im Griff, macht nebenbei ohne grosses Aufsehen auch Änderungen daran. Erst kürzlich konfigurierte er es so, dass er nun auch den Zahlungsverkehr online einspeisen kann. Vorher geschah das noch mittels Disketten. Wo andere Firmen eine kaufmännische Mitarbeiterin benötigen, macht er alles selber: Lieferscheine, Rechnungen, Retouren, Debitorenbuchhaltung etc. Nebenbei gesagt: Er verarbeitet jährlich gegen 3'000 Kundenrechnungen. Alles im Alleingang.

Ja, es gäbe noch so Einiges zu erzählen. Mir hat die Nachabarsfamilie und insbesondere Fritz etwas Elementares gelehrt:

Sie haben das Einfache zur Lebenskunst kultiviert und vor allem: Sie lieben, was sie tun.

Samstag, 28. März 2009

Das Stadttheater Bern geht den Bach herunter

Kürzlich meinte ich noch, dass das unsägliche "Anything Goes" den Bach runter geht. Doch ich muss mich (leider) korrigieren. Das Berner Stadttheater hält dieses "Anything Goes" mit Dirk Bach noch ein bisschen am künstlichen Leben. Ja, Du hast ganz richtig gelesen:

Der deutsche Schauspieler, Moderator und Entertainer Dirk Bach wird im Stadttheater Bern die Partie des Puck in der Oper „A Midsummer Night’s Dream“ von Benjamin Britten übernehmen. Die Sprechrolle wird er auf der Stadttheaterbühne in Bern in englischer Originalsprache verkörpern. Die Proben in Bern beginnen Mitte März, die Premiere ist am 25. April. (Auszug Pressemitteilung)
Da bleibt mir doch die Spucke weg! Die Ulknudel Bach, bekannt und berüchtigt aus so hochstehenden Kulturgefässen wie "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" darf in der künstlerischen Provinz eine "ernste" Bühnenrolle übernehmen. "Anything goes", Einschaltquoten sind alles. Oder was haben sich wohl die Verantwortlichen des Stadttheaters Bern dabei gedacht?

Und die Medien, die g'scheiten Kulturredaktoren/-redaktorinnen schweigen höflich, haben dazu nichts, auch gar nichts, zu sagen. Sie veröffentlichten einfach per copy-paste den Pressetext. Schöne, neue Welt. Gottseidank geht sie bald den Bach herunter.

Freitag, 27. März 2009

Was ist Glück?

Gib' mal im Google-Keyword-Tool das Wörtchen "Glück" ein. Da haben doch tatsächlich 1,2 Millionen Menschen im Februar nach "Glück" gesucht. Da scheint mir eine echte Nachfrage nach diesem Gut zu sein.

Sind wir also hier auf Erden, um das Glück zu suchen? Möglicherweise schon. Es gibt ja ganze Industrien, die uns "glücklich" machen wollen. Glück scheint also zu den erstrebenswertesten "Gütern" dieser Erde zu zählen.

Doch, was verstehen wir Glücksritter wohl darunter? Knüpfen wir das Glück an Bedingungen? In der Softwareprogrammierung kennt man die IF-THEN-Bedingung. Vielmals möchten auch wir das Glück genau so erhaschen: Wenn ich dann reich bin, bin ich glücklich. Wenn ich dann beruflich erfolgreich bin, dann bin ich glücklich. Wenn ich dann meine Traumfrau/meinen Traummann gefunden habe, bin ich glücklich.

So reife Semester wie ich haben lange genug mit dieser Programmierung gearbeitet, um zu berurteilen, ob diese IF-THEN-Programmierung funktioniert. Doch, doch: Hin und wieder ist es mir gelungen, eine Glücksbedingung ins Dasein zu zerren. Doch dummerweise fehlte mir dabei meistens das heissersehnte Glücksgefühl. Nicht immer, jedoch meistens.

Was macht denn dieses vermaledeite Glück nur aus? Gibt's Rezepte? Gibt's Anleitungen zum Glücklichsein? Tonnenweise. Trotzdem sind wir meistens unglücklich, weil uns diese Anleitungen zwar bei Befolgung zeitweise in einen Glückszustand versetzen können, wir jedoch noch glücklicher als zuvor sein möchten.

Ich für meine Wenigkeit halte es mit der Philosophie meines Blogs: Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen. Oder poetischer ausgedrückt: Im Alltagszauber liegt oft das Glücksmoment.

PS: Es gibt im Internet tatsächlich auch ein Glücksarchiv: HIER

Donnerstag, 26. März 2009

Über den Wert von Maulkörben

Ich habe mehrere Newsletter von sog. Erfolgsgurus abonniert. Man gönnt sich ja sonst nichts! Seit einiger Zeit gleichen sich deren Inhalte auf merkwürdigste Weise. Sie suggerieren ihrer Kundschaft, dass die Krise, von der tagtäglich zu hören und zu lesen ist, lediglich ein mentales Problem sei. Dann weiter: Die ganze Welt rede von einer Krise, sie jedoch - die Erfolgsgurus nämlich - spürten nichts davon. Deshalb würden sie auch ihren Mitarbeitern verbieten, das Wort Krise auch nur in den Mund zu nehmen.

Weshalb denn dieses Maulkorbgesetz, wenn die Krise diesen Erfolgsheinis schon am A... vorbeigeht? Was, wenn nicht nackte Existenzangst, ist dann wohl die Ursache dieses verordneten Maulkorbes? Gründen wir einmal tiefer, dann ist uns bewusst, dass vor dem Sprechen das Denken kommt - das sollten übrigens diese Erfolgsgurus auch wissen. Was geht dann innerlich bei diesen Mitarbeitern ab, wenn sie sich krampfhaft bemühen müssen, das Wort Krise nicht auszusprechen? Aus meiner persönlichen Sicht weiss ich, dass ein Maulkorbgesetz das Denken über das besagte Tabuthema bzw. -wort nicht auslöschen kann. Im Gegenteil: Das Denken treibt umsomehr bunte Blüten...

Was ich diesen Erfolgsgurus ins Poesiealbum schreiben würde, wäre folgende, einfachste Prosa:

Steht deine eigene Dienstleistung auf so tönernen Füssen, dass du sogar Zensur ausüben musst, damit deine Kundschaft deine heisse Dienstleistungsluft nicht wahrnimmt? Glaub' mir, lieber Erfolgsguru: Trotz deines Verbotes kannst du es nicht verhindern, dass momentan und wohl auch die nächsten Jahre, alles, was ohne Substanz ist, durch eben diese Krise hinwegfegt werden wird. Maulkorb hin oder her.
Dazu passend und natürlich äusserst lesenswert:
Erfolgsrezepte in Krisenzeiten
Wo man teures Lehrgeld bezahlt
Über verduftende Winde
Grenzenlose Freiheit

Mittwoch, 25. März 2009

Botschafter des Himmels

Bevor ich mein Tageswerk beginne, gönne ich mir meistens einen kleinen Waldspaziergang. Seit kurzem klingt und singt es während dieses frühmorgendlichen Marsches von allen Bäumen und aus allen Gebüschen. Die Vögel haben ihre Stimme wieder gefunden. Sie begrüssen, jede Art auf ihre ganz typische Weise, die Boten des Frühlings. Gerne lehne ich mich an einen Baum und höre diesem frühlingshaften Trillieren und Jubilieren zu. Ich erinnere mich an meine Kindheit, wo mir der Frühling auch schon liebste Jahreszeit gewesen ist. Ich konnte es kaum erwarten, bis dass die Sonne wieder mehr wärmte und ich draussen spielen konnte. Die Wiesen, damals alle noch ungedüngt, zeigten ihr frühlingshaftes Gewand: "Guggerblumen" (Wiesenschaumkraut), Schlüsselblümchen und weitere farbenfrohe Gewächse in üppiger Vielfalt steigen vor meinem geistigen Auge auf. Ich liebte es, mich inmitten die "Guggerblumen" zu setzen und die Welt aus ihrer Sicht zu betrachten.

Doch wieder zurück zu den Vögeln. In meiner Kindheit kannte ich praktisch jeden Vogel, wusste um seine Eigenheiten, erkannte ihn an seinem Gesang. Ich hatte auch einen überaus kompetenten und geduldigen Lehrmeister: Meinen Vater. Er war eingeschriebenes Mitglied und hochgeachteter Rechnungsrevisor des örtlichen Natur- und Vogelschutzvereins. Er nahm mich mit auf seine Streifzüge durch die Wälder, geriet in Entzücken, wenn er wieder einmal eine ganz seltene Vogelart erblickte, pfiff mir die verschiedenen Vogelmelodien vor und tat eigentlich alles, um in mir die Liebe zur Natur und zur Tierwelt zu wecken. Selbstverständlich liess er mich auch gerne in seinen ornithologischen Büchern stöbern und ich konnte ihn alles fragen, was mir nicht auf Anhieb einleuchtete. Wenn er einmal etwas nicht wusste, was übrigens äusserst selten vorkam, dann meinte er nur trocken: "Ach, bin ich "pfyffeholzdumm" (über die Herkunft dieses arigen (seltsamen) Ausdruckes weiss ich leider nicht mehr Bescheid) .

Als ich in der zweiten Sekundarklasse gewesen bin, nahmen wir auch die Vogelwelt durch. Wie freute ich mich darauf. Hier konnte ich mit meinen Wissen brillieren. Endlich kam die langersehnte erste Unterrichtsstunde. Doch oh Graus: Nichts von alledem, was ich kannte und so liebte, lehrte uns der Biologielehrer. Er zeigte uns zu meiner grossen Enttäuschung lediglich Vogelskelette und erklärte uns mehr schlecht als recht, weshalb Vögel fliegen können, was mir jedoch nicht ausreichte, weil ich es nämlich besser wusste:

Vögel können fliegen, weil sie uns mit dieser Gabe Botschaften aus himmlischen Gefilden herunterbringen können. So wenigstens erklärte es mir mein Vater damals auf unseren Streifzügen durch die Wälder meiner Kindheit.

Dienstag, 24. März 2009

Volkskultur als Lebensschule?

Jetzt, wo das schöne "Anything goes" am Zusammenkrachen ist, kann man ganz zaghaft ein Nachfragen der bereits totgeglaubten, mindestens jedoch geächteten Begriffe "Heimat", "Tradition" und "kulturelle Identität" vernehmen. Diese Begriffe sind natürlich in Zeiten beliebiger Austauschbarkeit ein Anachronismus. Im (nun endenden) postindustriellen Zeitalter zählen nämlich "Flexibilität" und "Mobilität". Mobil sind dabei vor allem die Arbeitsplätze, die schneller ausser Landes verschwinden, als die Statistiker subtrahieren können.

Kann vielleicht in naher Zukunft die oft geschmähte Volkskultur angesichts der vorherrschenden Verunsicherung eine entscheidende Rolle spielen, gerade weil sie auf die Wurzeln unserer Herkunft und Tradition zurückgreift? Gewinnt die Volkskultur wieder an Bedeutung, weil etwa die wirtschaftliche Identität ins Wanken gerät? Ich meine schon. Denn die kulturelle Identität ist jene, die übrig bleibt, wenn die anderen Identitäten in die Krise geraten: Die Politik, die Wirtschaft, die Umwelt.

Vielleicht lehrt uns die sich abzeichnende Weltwirtschaftskrise, dass wir uns wieder den wahren Werten zuwenden sollten. Und genau da kann uns die Volkskultur kompetente Lehrerin sein. Volkskultur, sei sie im Gewand des Jodelliedes, eines berührenden Mundartgedichtes, eines natürlichen Heilmittels, will uns das Gute, das Aufbauende in Erinnerung rufen, will uns Denkanstösse geben, die uns weiterbringen. Zeigt uns klar und unmissverständlich auf, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen können.

Sie flüstert uns zu, statt auf Gleichmacherei, Flexibilität und Mobilität auf Regionalität und Solidarität untereinander zu setzen. Ist es nicht besser, die bestmögliche Entwicklung der eigenen Region zu erzielen, als die möglichste Angleichung an einen ungreifbaren Durchschnitt? In meiner persönlichen Umgebung kann ich etwas bewirken, kann mich einsetzen und ein klein wenig mehr tun als für eine Region, in der ich mich fremd fühle.

Sie verspricht uns nicht die grosse Welt, sie macht uns jedoch für den Zauber des Alltags sehend.

Samstag, 21. März 2009

Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten

So habe ich den Erich Kästner noch nie vernommen:

Ansprache an Millionäre (heute: Milliardäre, Billionäre)
von Erich Kästner

Warum wollt ihr so lange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?

Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.

Sie werden euch in die Flüsse jagen.
Sinnlos werden dann Schrei und Gebet sein.
Sie werden euch die Köpfe abschlagen.
Dann wird es zu spät sein.

Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten.
Dann stellen sie euch an die Gartenmauern.
Sie werden kommen und schweigen und töten.
Niemand wird über euch trauern.

Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren.

Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern.
Ihr habt das Geld und die Macht genommen.
Warum wollt ihr die Welt nicht ändern,
bevor sie kommen?

Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln!
Ihr seid nicht gut. Und auch sie sind's nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!

Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig.
Ihr sollt euch keine Flügel anheften.
Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig.
Wir sprechen von Geschäften.

Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen -
das lohnt, drüber nachzudenken.

Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise.
Organisiert den Umbau der Welt!
Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise
mit sehr viel Geld...

Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten.
Uns tut es leid. ihr werdet´s bereuen.
Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!
Es wird uns freuen.

Donnerstag, 19. März 2009

Reise nach Absurdistan

Foto gefunden auf: pixdaus.com

Mein Kopf brummt. Mein Geist ist verwirrt. Jetzt mussten also die "Bürgerlichen" und die Banken unseren letzten Mythos beerdigen: Das Bankgeheimnis. Das wäre doch die Kernkompetenz der "Linken" und des Dr. Z. gewesen. Jetzt fehlt nur noch, dass der Dr. B. - als sein krönender Abschlussauftrag - uns in die EU führen muss. Irgendwie muss er doch noch sein Milliardenvermögen abverdienen.

Mittwoch, 18. März 2009

Was alles totgeschwiegen wird

 Foto gefunden auf pixdaus.com

Da muss ich diesem Blogautor Recht geben: Über Schildkröten, diese reizenden Wesen, wird praktisch nicht gebloggt! Auch sonst kann ich meinen LeserInnen dieses Blog empfehlen: Die Beiträge wärmen mich in diesen kalten Zeiten. Ich habe dieses Blog übrigens seit ein paar Tagen unter Theomix in mein Blogroll aufgenommen.

Unsere Bundesräte sind Weicheier!

"Unsere Bundesräte sind doch Weicheier!" wird allerortens gelästert und mit sorgenvoller Miene gehen wir unserem überaus wichtigen Tageswerk nach. Doch vielleicht sind unsere Bundesräte gar nicht so blöd, wie sie dargestellt werden:

Gebt auf die Heiligkeit, werft weg die Erkenntnis, und die Welt kommt in Ordnung!
Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland
Damit die Schweiz wieder in Ordnung kommt, muss nach Dschuang Dsi also nichts getan, sondern etwas unterlassen werden. Wer dagegen die Schweiz nach seinen eigenen Prinzipien ordnen oder gar retten will, bringt nicht nur andere, sondern auch sich selbst in Gefahr.

Hoch lebe unser Bundesrat, der in weiser Voraussicht nichts unternimmt.

Dazu passt auch DIESER Beitrag vorzüglich.

Montag, 16. März 2009

Logenbrüder Handdruck???

Ich versteh' das alles nicht so recht. Da geben sich hochdotierte Menschen die Hand. Ich frage mich: Würde ich die Hand auch so seltsam, mit dem Daumen obendrauf, geben? Kann mir jemand erklären, weshalb der Daumen so extrem auf die andere Hand drückt




Nicht, dass ich etwa an Logenbrüder denke...


Hausfrau Hanna im Himmel


Hausfrau Hanna glaubt nicht an einen jenseitigen Himmel. An einen diesseitigen schon. Beziehungsweise an deren viele. Am liebsten hält sie sich im Lesehimmel auf. Darin befindet sich nichts als ein blaues Sofa und Beigen von Büchern, die auf dem Wolkenparkett ausgelegt sind: Romane, Krimis, Comics, Bilderbücher, hohe Literatur, Biographien, Gedichtbände, Kinder- und Jugendbücher. Hannas momentane Laune und ihr Lesebedürfnis sind bestimmend bei der Wahl. Und dann beginnt er. Der Himmel. Hanna lebt darin, seit sie ein kleines Mädchen ist. Sie hat das Lesen leicht gelernt, damals in der ersten Klasse bei Fräulein W., der wunderschönen, heissgeliebten Unterstufenlehrerin. Hannas erste Leseerinnerung ist diese:

FI FA FO
HEINI EINE FAHNE
LISA EINE FAHNE
FEIN SO FEIN
und noch immer kann sie dieses Lernverslein aus dem Lesebüchlein genauso rhythmisch und mit heller Stimme herunterrattern, wie sie es als Erstklässlerin im Chor der Klasse konnte.

Das erste richtige Buch las Hanna, als der Arzt ihr nach einer schweren Kinderkrankheit noch einige Zeit Hausruhe verordnete. Langweilig war es ihr. Bis zum Moment, als ihr die grosse Schwester aus der Schulbibliothek ein Buch mitbrachte!

Dieses war unsinnlich, dafür sauber in blaues Packpapier eingefasst und auf dem Einband gestochen scharf beschriftet mit ‚Theresli’, von Elisabeth Müller. Fünf Rappen kostete die Ausleihe für eine Woche. Das Buch sah innen nicht nur leicht vergilbt aus, es war auch noch in alter Schrift gedruckt. Zuerst mühsam buchstabierend, dann immer fliessender, las sich Hanna durch die Geschichte des lebhaften Pfarrermädchens. Und so wurde das ‚Theresli’ nicht nur zur ersten Identifikationsfigur, sondern es veränderte auch Hannas Leben, indem es die kleine dörfliche Welt erweiterte um den glücklich machenden Aufenthalt im Lesehimmel.

Obwohl die Drohung der Mutter: “Wenn du nicht mit Lesen aufhörst, geht es dir einmal genauso wie ‚Diesem’ da!“ Hanna leicht erschauern liess, das Lesen konnte und wollte sie nicht aufgeben. Mit ‚Diesem’ war übrigens Herr Rosenmund gemeint. Begegnete man ihm auf der Strasse, war er stets abwesend, vergass zu grüssen und führte Gespräche mit sich selbst. Er war ‚übergeschnappt’, wie man im Dorf sagte. Und der Grund, so wurde gemunkelt, waren die vielen gescheiten Bücher, die er gelesen haben soll…

In diesem Fall behielt die Mutter nicht Recht. Dieses Schicksal blieb Hanna erspart, obwohl auch sie las und las und las. Astrid Lindgren, Karl May, Lisa Tetzner, Erich Kästner, Federica de Cesco, Kurt Held wurden verehrt. Ronja, Zora, Giorgio und Winnetou wurden zu mutigen, bewunderten Freundinnen und Idolen. Nahte das Ende eines Buches, begann die Trauer über den baldigen Verlust der eingegangenen Beziehungen. Zum Glück gab es auch Fortsetzungsbücher. Sie machten das Lesen noch schöner und intensiver.

Diese Woche nun las Hanna in der Zeitung folgenden Satz von Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der damit das überraschende Umsatzwachstum in der Bücherbranche zu erklären versuchte:
„Vielleicht greifen die Leute jetzt in der Finanzkrise eher zum Buch, um die Welt zu verstehen.“
Wäre das schön! Wenn die Leute nicht nur nach den Büchern greifen, sondern sie auch lesen würden…

Sonntag, 15. März 2009

Frühling wird's auch dieses Jahr

Annette von Droste-Hülshoff und meine Wenigkeit schwärmen beide vom Gleichen:

Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?
Da grünt und blüht es weit und breit
Im goldnen Sonnenschein.
Am Berghang schmilzt der letzte Schnee,
Das Bächlein rauscht zu Tal,
Es grünt die Saat, es blinkt der See
Im Frühlingssonnenstrahl.
Die Lerchen singen überall,
Die Amsel schlägt im Wald!
Nun kommt die liebe Nachtigall
Und auch der Kuckuck bald.
Nun jauchzet alles weit und breit,
Da stimmen froh wir ein:
Der Frühling ist die schönste Zeit!
Was kann wohl schöner sein?

Annette von Droste-Hülshoff

Dienstag, 10. März 2009

Hast noch der Söhne? Ja!

Wir erleben gerade das allerletzte Aufbäumen des Swiss-Old-Boys-Netzwerkes. Wer sich ein bisschen in Psychologie auskennt, weiss, dass es nun nicht mehr lange dauern wird bis zum vollständigen Untergang der "alten Schweiz" mit ihren "Aushängeschildern" - insbesondere der bereits strangulierten Finanz-Multis.

So dürfen wir also den letzten Akt dieses Untergangsdramas mit atemloser Spannung (oder auch nicht) verfolgen. In den Hauptrollen:
Alt-Finanzminister Villiger wird VR-Präsident bei der abschmierenden UBS. Er amtet immer noch als Verwaltungssrat bei der nicht minder schmierigen Swiss-Re

Kielholz, Präsident von Credit Suisse, gibt sein Amt ab und wechselt ins selbige Amt bei Swiss-Re, gleich nachrückend der Vizepräsident Dörig

Cabiavaletta (damals UBS-Verantwortlicher für das LTCM-Debakel!) kommt neu zur Swiss-Re

...und Regie führt wohl die graue Eminenz Rainer E. Gut, der ehemalige "Banker der Macht"
Kielholz meinte übrigens gestern vor den Medien: "Es ist heute nicht leicht, gute Führungskräfte für Top-Firmen zu finden"...

Da geb' ich ihm recht. Dieses (von ihr angerichtete) Schlamassel muss von der alten Garde ausgebadet werden, bevor neue Kräfte Neues wagen können.

Montag, 9. März 2009

Was Männer an Frauen lieben

Erst heute habe ich mitgekriegt, dass gestern der "Internationale Tag der Frau" gefeiert wurde. Da bin ich nun zerknirscht, denn hätte ich es gestern Sonntag gewusst, hätte ich wohl meiner Frau das Frühstück ans Bett gebracht. Doch ganz ehrlich: Auch sie wusste nichts davon.

Ganz köstlich finde ich jedoch, dass wir beide - ohne die leiseste Ahnung über die Bedeutung des Tages - gestern auf youtube nach speziellen Liedern gesucht haben. Nach Liedern, wo Frauen witzig, schmachtend, herausfordernd, lockend, selbstbewusst Männern den Hof machen. Und wir sind tatsächlich fündig geworden:

- Trude Herr: Weil ich so sexy bin
- Gitte Haenning: So schön kann doch kein Mann sein
- Margot Werner: So ein Mann
- Lucilectric: Weil ich ein Mädchen bin / Hey Süsser

So, das wäre nun mein ganz persönlicher Beitrag zum "Internationalen Tag der Frau" gewesen.

Samstag, 7. März 2009

Aufwachen und Präsenz markieren

Kompliment, Frau Zappadong!

Da rühr' ich auf meinem bescheidenen Blog auch die Trommel. Denn so geht's nun wirklich nicht mehr (weiter). Ich finde, wir tumben SteuerzahlerInnen sollten endlich aufwachen und merken, was im Staate alles so faul ist. Lasst uns endlich dieser Kaste - auch genannt: VolksZertreter - von Service-Klüblern, Logenbrüdern und anderswie und -wo gekauften Seelen zeigen, wo "Bartli der Moscht" holt - ehe es allzu spät ist.

Deshalb veröffentliche ich den Offenen Brief von Frau Alice Gabathuler hiermit und meine, dass auch andere BlogerInnen dem Beispiel folgen solltenn:

Vorbemerkung:
Der Ständerat hat am Donnerstag beschlossen, dass arbeitstätige Eltern, die sich um ihre schwer kranken Kinder kümmern wollen, keinen bezahlten Pflegeurlaub und kein Taggeld erhalten. Das alleine wäre erschütternd genug. Noch erschütternder waren die Begründungen. Zu teuer. Können wir uns nicht leisten. Zitiert wurde dabei u.a. Frau Forster-Vanini, und weil sie als Ständerätin des Kantons St. Gallen auch mich vertritt, schreibe ich ihr diesen offenen Brief (den ich ihr auch privat geschickt habe). Und weil dieser Brief persönlich ist und ich öffentlich dazu stehen will, habe ich ihn auch mit meinem eigenen Namen unterschrieben.

Liebe Frau Forster-Vannini

Als Ständeratin des Kantons St. Gallen vertreten Sie unter anderem auch mich.
Ich stelle ernüchtert, erschüttert und sehr, sehr wütend fest: Man kann heutzutage ungestraft eine Bank an die Wand fahren. Bezahlen dürfen das dann die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen. Einen bezahlten Urlaub für Eltern von pflegebedürftigen Kindern (die ebenfalls Steuern zahlen für die an die Wand gefahrenen Banken) können wir uns hingegen “nicht leisten”.

Unsere Welt, unsere Schweiz ist sehr, sehr kalt geworden, wenn wir so weit sind, dass uns eine UBS alles und ein todkrankes Kind nichts kosten darf.
Ich bin nicht direkt von diesem Entscheid betroffen und trotzdem bin ich wütend wie schon lange nicht mehr. Wäre ich direkt betroffen, ich käme mir vor wie der letzte, wertlose Dreck - und sehr, sehr alleine gelassen.

Glauben Sie mir, ich sähe mein Steuergeld viel, viel lieber bei einer Familie mit einem kranken Kind als in einer Bank.

Alice Gabathuler, Jugendbuchautorin

PS: Ich frage mich halt schon, welche Macht die Politik kontrolliert und sie dazu zwingt, nur für das Überleben der Finanzelite zu sorgen.

Mittwoch, 4. März 2009

Wenn ich mehr Musikgehör gehabt hätte

Was uns doch alles erspart geblieben wäre...

Der neue UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger meinte anlässlich einer Jubiläumsansprache (200 Jahre Kantonsschule Aargau) anno 2002:

"Vielleicht wäre aus mir nie ein Bundesrat (Anm. d. Red.: und Uups-Chef) geworden, wenn ich mehr Musikgehör gehabt hätte"
Ganzen Artikel lesen: HIER
Jetzt hoffen wir SchweizerInnen, dass der Chasper den Bankstern den Marsch gar tüchtig blasen wird. Doch eben: Er hat ja kein Musikgehör...

PS: Dazu noch ein passender Witz vom Zgraggen Schagg:
Eine traditionelle Sportart heisst neuerdings "UBS retten". Früher hiess das noch "Senioren-Turnen".

Montag, 2. März 2009

Domina der Alten Musik

Hausfrau Hanna hat mir wiederum einen tollen Musiktipp gegeben:

Christina Pluhar und ihr Ensemble "L'Arpeggiata"
Die Grazer Lautenistin Christina Pluhar (nein, nicht verwandt!) feiert mit ihren feinsinnigen Musikprojekten international Riesenerfolge - nur (noch) nicht in der (Deutsch-)Schweiz und in... Österreich.

Die von Pluhar arrangierten Kompositionen Claudio Monteverdis auf ihrer neusten CD müsste es eigentlich auf Rezept geben, um damit Depressionen zu kurieren. Mit überbordender Spielfreude lässt Pluhar, Hochkultur und Unterhaltung ineinander übergehen und sie scheut sich nicht, das 17. Jahrhundert swingen zu lassen, als sei Meister Monteverdi auf einen alten Jazzkumpel getroffen. Die Hohepriester der Alten Musik werden zwar die Stirn runzeln, aber das macht nichts.

Bitte unbedingt reinhören:

Völkischer Stallgeruch?

Ich schreibe regelmässig für eine kleine Wochenzeitung Beiträge über Facetten der "Volkskultur". Im letzten Beitrag sinnierte ich übers Tanzen und meinte eingangs meines Artikels:

"Die «Kultur des Volkes» musste in ihrer Geschichte schon für Vieles herhalten. Im Zuge der «Geistigen Landesverteidigung» während des Zweiten Weltkrieges wurde sie von höchster Stelle als Hort des schweizerischen Widerstandes gegen Hitler-Deutschland aufgestellt. Doch die «Kultur des Volkes» ist weder Weltanschauung noch Kunst. Ihre Kultur verstand das «Volk» immer als reine Unterhaltung, Spass, Tanz und Unterhaltung."
Heute lese ich auf dem einst von Pro Helvetia initiierten Blog folgenden Kommentar:
"Nachdem weit über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer in Agglomerationen leben, kann eine fast rein ländliche Definition der Volkskultur, wie sie zum Beispiel bei SF TV nach wie vor gepflegt wird, nicht mehr aufrecht erhalten werden. Eine weitere Dimension kommt jetzt mit der Finanzkrise hinzu, die sich zu einer Identitätskrise der Schweiz ausweitet: Die Volkskultur gewinnt an Bedeutung, weil etwa die wirtschaftliche Identität - zum Beispiel das Bankgeheimnis - ins Wanken gerät. In dieser Situation ist es besonders wichtig, dass Volkskultur möglichst Viele anspricht und von Vielen getragen wird. Denn die kulturelle Identität ist jene, die übrig bleibt, wenn die anderen Identitäten in die Krise geraten: Die Politik, die Ökonomie, die Umwelt."
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Jetzt bin ich ein bisschen ratlos, habe ich doch erst vorletzte Woche die "Kultur des Volkes" als reine Unterhaltungskultur bezeichnet.
Muss nun erneut die sog. "Volkskultur" in Krisenzeiten für eine Ideologie herhalten, die man ihr später wieder vorwirft?

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