Mittwoch, 20. Januar 2010

Die stiefmütterliche Behandlung der Volkskultur in der Schweiz



Die Volkskultur in der Schweiz wurde und wird weitgehend durch ehrenamtliche Arbeit in Vereinen und Verbänden getragen. So wurde in der Folge eine bemerkenswerte und nachhaltige Aufbau-, Weiterentwicklungs- und Bildungsarbeit geleistet. Ohne diese ehrenamtlichen Anstrengungen wäre die Volkskultur im Laufe der Zeit verschiedenen teilweise gegenläufigen Strömungen des Zeitgeistes zum Opfer gefallen

In den meisten Ländern Europas ist die Volkskultur breit verankert und wird auch mit öffentlichen Geldern namhaft unterstützt. Über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg beteiligen sich die Menschen am volkskulturellen Schaffen und freuen sich an ihrer kulturellen Identität. In der Schweiz herrscht hier eindeutig Nachholbedarf. Einesteils geniesst die Volkskultur in breiten Kreisen der Bevölkerung grosse Sympathien, andernteils zeigt die offizielle Schweiz eine etwas distanzierte Haltung gegenüber der eigenen Kultur. So werden beispielsweise die acht grössten Volkskulturverbände vom Bund (Bundesamt für Kultur) lediglich mit CHF 140‘000.00 (in Worten: hundertvierzigtausend Franken) unterstützt bzw. abgespiesen. Meine Kollegen aus Österreich reiben sich da nur verwundert die Augen.

Die Volkskulturverbände sind rund hundert Jahre alt. Die Freunde verschiedener Sparten der Volkskultur begannen den inneren Wert und die identifizierende Kraft zu erkennen, die aus dem überlieferten ideellen Kulturerbe fliessen. Zudem wurde auch erkannt, dass die Volkskultur unter dem Eindruck der politischen und der wirtschaftlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts (Bildung der Nationalstaaten, Industrialisierung usw.) die Volkskultur zu bedrängen begann. Entsprechend begannen die Pioniere, viel Verlorenes wieder zu reaktivieren und teilweise neu zu entwickeln.

Bestimmt sind der organisierten Volkskultur auch Fehler unterlaufen, was nicht zuletzt im Zusammenhang mit den demokratischen Verbandsstrukturen und -abläufen zu sehen ist. Demokratie orientiert sich in der Regel am Mittelmass und ebenso an einem gewissen Ordnungsprinzip, was sich ab und zu bremsend auf neue und innovative Ansätze auswirken kann. Zudem bergen Reglemente und Richtlinien immer auch ein Risiko zur Einengung und Erstarrung. Volkskultur muss jedoch in Bewegung bleiben und sich in einem einigermassen ausgewogenen Verhältnis von Tradition und Innovation weiterentwickeln können.

Das haben meines Erachtens die Verbände erkannt und sie versuchen, neuen Gedanken zum Durchbruch zu verhelfen. So haben die meisten volkskulturellen Organisationen bemerkenswerte Schritte zur Öffnung unternommen. Dabei müsste jetzt auch eine engere Zusammenarbeit unter den einzelnen Verbänden erfolgen, um gemeinsam das Umfassende des Volksgutes einsichtiger werden zu lassen. Ebenso müsste ein kontinuierlicher Diskurs und eine substantielle Zusammenarbeit zwischen der wissenschaftlichen und praktischen Volkskultur gefördert werden, was interessante und befruchtende Wechselwirkung zeitigen könnte. Im Gegensatz zu einzelnen Nachbarländern sind wir diesbezüglich in der Schweiz (noch) nicht ideal positioniert.

Daran arbeitet übrigens in verdienstvoller Weise die IG für Volkskultur, ein Zusammenschluss 11 nationaler Volkskulturverbände, welche gesamthaft rund 300'000 Mitglieder umfassen. Die IG für Volkskultur sieht sich als nationale Stimme aller volkskulturellen Verbände in der Schweiz und setzt sich national und international für eine bessere Akzeptanz ein.

Weitere Informationen sind unter www.volkskultur.ch abrufbar.

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