Wenn's wieder schränzt und fäggt
Gerade in diesen Tagen lässt sich ein Brauchtum laut vernehmen, das bestens belegt, wie Volkskultur vom Volk – und zwar von Jung und Alt - gelebt und weiterentwickelt wird. Ich schreibe hier natürlich über die Guggenmusik, welche dieser Tage allerortens unüberhörbar „schränzt“ und „fäggt“.
Ich selber konnte als Baselbieter natürlich hautnah miterleben, wie sich die Guggenmusik entwickelte. Hörte man in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch ausschliesslich Musikvereine, die lediglich ein für die Fasnacht angepasstes Repertoire spielten, mauserte sich das Ganze weiter zu eigenständigen Formationen, die aktuelle Musikströmungen aufnahmen, das ganze Jahr über solche Musikstücke lernten und sogar an Choreografien feilten. Heute gibt es bekanntlich richtige Guggenkonzerte, die publikumsmässig und auch sonst an Rock-Konzerte erinnern. Hier macht also die Jugend – im Gegensatz zur üblichen Volksmusik – begeistert mit, lässt sich von den Rhythmen mitreissen, tanzt und jubelt den Guggen zu. Die Guggenmusik illustriert damit eindrücklich die uralte Tradition der Volkskultur; nämlich den steten Wandel und die ständige Anpassung an die sich verändernden Umstände und Bedürfnisse durch die Verarbeitung neuer Einflüsse und Anregungen.
Ich selber bin ein grosser Anhänger der Guggenmusik und deshalb interessiert es mich, ob es möglich ist, die Wurzeln dieses heutigen Fasnachtsbrauches zu orten. Hat die Guggenmusik ihren Ursprung in der (heidnischen) Winteraustreibung wie die meisten Fasnachtsbräuche? Vielleicht. Möglicherweise liegen ihre historischen Wurzeln jedoch in einem alten Rügebrauch mit dem das Gemeinwesen im Ancien Régime untypische Heiraten, abweichendes Verhalten und Verstösse gegen die Moral durch ein ohrenbetäubendes Lärmkonzert sanktionierte. Zu den bevorzugten Lärminstrumenten zähltenTrommeln, Pfeifen, Tierhörner, Glocken, Schellen, Ratschen, Peitschen, Dreschflegel, Blecheimer und Topfdeckel. Ausgeführt wurde dieser Rügebrauch – auch „Charivari“ oder „Katzenmusik“ genannt – von den Jungen, die an Stelle der Erwachsenen und mit ihrem Einverständnis handelten; sie nahmen diejenigen aufs Korn, die als Gegner der Gemeinschaft identifiziert wurden (hätten die heute viel zu tuten und zu blasen!!!)..
Ob sich aus diesem Rügebrauch die Guggenmusik, die ja ursprünglich aus dem alemannischen Raum (Schweiz und Süddeutschland) kommt, ableiten lässt, kann ich allerdings nicht mit absoluter Sicherheit sagen.
In einer alten Chronik habe ich lesen können, dass im Jahre 1874 erstmals eine Blaskapelle zum Morgestraich in Basel mitmarschierte – unter heftigstem Protest der Fasnachts-Oberen. Zehn Jahre später wurde es aber polizeilich erlaubt! Der Begriff Guggenmusik ist erstmals an der Basler Fasnacht von 1906 (sorry Innerschweizer!) belegt und leitet sich vermutlich her von „Gugge“, was im Schweizerdeutsch für alle Arten von Blechblasinstrumenten steht.
Was ist sie nun die Guggenmusik? Winteraustreibung oder Rügebrauch? Spielt das überhaupt eine Rolle? Die Guggenmusik ist doch einfach herrlich anzuhören und anzuschauen und gehört heute zur Fasnacht wie die Glocken zum Kirchturm.
Rüssgusler aus Ebikon LU:





4 Kommentare:
"In einer alten Chronik habe ich lesen können, dass im Jahre 1874 erstmals eine Blaskapelle zum Morgestraich in Basel mitmarschierte."
D'Guggemuusig - ohni Säich,
fählt bi uns am Morgesträich.
D'Piccolo- und Trummeltöön,
länge uns und sin voll schöön.
Mit vorfasnächtlichen Grüssen
Hausfrau Hanna
Da hast Du schon recht, liebe Hausfrau Hanna, doch es war damals keine "Gugge", sondern lediglich eine Blasmusik. Und am Morgestraich darf tatsächlich keine Gugge mittröten...
Lieber Hanspeter
Meiner Meinung nach liegt der Ursprung der Guggenmusik im antiken Griechenland.
Was einst die Bacchanalien waren, ist heute die Fasnacht.
Der Lärm den die Bacchant veranstalteten, dürfte die erste Guggenmusik der neueren Weltgeschichte sein.
Die heutige Fasnacht hat ihren Ursprung in den römischen Saturnalien, die wiederum auf den griechischen Festen zu Ehren des Gottes Dionysos fussen.
Die Fasnacht und anschliessende Fastenzeiten, sind die zeitgenössische Form des Dionysischen und Apollinischen. Das Ganze ist beim ehemaligen Basler Philologie Professor Friedrich Nietzsche nachzulesen.
Irgendwer hat einmal gesagt, das jeder Gedanken der heute gedacht wird, im antiken Griechenland schon einmal gedacht wurde.
So gesehen müsste der griechische Staat nur die Urheberrechtsgebühren für die die Begründung der Geisteswissenschaften und der Naturwissenschaften einfordern und schon wäre er saniert.
Ohne Griechenland kein Pythagoras, ohne Pythagoras keine Mathematik, ohne Mathematik keine Computer. Wer an der Zeit das sich Microsoft, IBM, Google, Apple & Co erkenntlich zeigen.
PS: Die Reussgrübler aus deinem Video, habe ich heute Morgen live gehört. Die Musik ist wirklich gut, kein Ton daneben, ich war beeindruckt.
@Antoine: Sehr interessant Dein Ausflug i die griechische Antike. Vielleicht schaufelt ja gerade jetzt mein vielbeschriebenes Ausgleichgesetz den Griechen ihren langverdienten Obulus zu?
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