Sie macht uns sehend
(reload vom 24.3.2009)
Jetzt, wo das schöne "Anything goes" am Zusammenkrachen ist, kann man ganz zaghaft ein Nachfragen der bereits totgeglaubten, mindestens jedoch geächteten Begriffe "Heimat", "Tradition" und "kulturelle Identität" vernehmen. Diese Begriffe sind natürlich in Zeiten beliebiger Austauschbarkeit ein Anachronismus. Im (nun endenden) postindustriellen Zeitalter zählen nämlich "Flexibilität" und "Mobilität". Mobil sind dabei vor allem die Arbeitsplätze, die schneller ausser Landes verschwinden, als die Statistiker subtrahieren können.
Kann vielleicht in naher Zukunft die oft geschmähte Volkskultur angesichts der vorherrschenden Verunsicherung eine entscheidende Rolle spielen, gerade weil sie auf die Wurzeln unserer Herkunft und Tradition zurückgreift? Gewinnt die Volkskultur wieder an Bedeutung, weil etwa die wirtschaftliche Identität ins Wanken gerät? Ich meine schon. Denn die kulturelle Identität ist jene, die übrig bleibt, wenn die anderen Identitäten in die Krise geraten: Die Politik, die Wirtschaft, die Umwelt.
Vielleicht lehrt uns die sich abzeichnende Weltwirtschaftskrise, dass wir uns wieder den wahren Werten zuwenden sollten. Und genau da kann uns die Volkskultur kompetente Lehrerin sein. Volkskultur, sei sie im Gewand des Jodelliedes, eines berührenden Mundartgedichtes, eines natürlichen Heilmittels, will uns das Gute, das Aufbauende in Erinnerung rufen, will uns Denkanstösse geben, die uns weiterbringen. Zeigt uns klar und unmissverständlich auf, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen können.
Sie flüstert uns zu, statt auf Gleichmacherei, Flexibilität und Mobilität auf Regionalität und Solidarität untereinander zu setzen. Ist es nicht besser, die bestmögliche Entwicklung der eigenen Region zu erzielen, als die möglichste Angleichung an einen ungreifbaren Durchschnitt? In meiner persönlichen Umgebung kann ich etwas bewirken, kann mich einsetzen und ein klein wenig mehr tun als für eine Region, in der ich mich fremd fühle.
Sie verspricht uns nicht die grosse Welt, sie macht uns jedoch für den Zauber des Alltags sehend.





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