Natur und Geist
Manchmal, wenn ich Blogeinträge über Jugendgewalt lese, gehe ich in mich und erinnere mich leicht verschämt an meine Jugendzeit zurück. Natürlich waren auch wir schon bestens sozialisiert und unterliessen tatsächlich hie und da einen Schabernack, weil es sich nach geltender Norm nicht ziemte.
Doch der pubertierende Drang liess uns dennoch Dinge tun, die jeglicher bürgerlicher Moral spotteten. Wenn jedoch unsere Aktionen wieder einmal überbordeten, sogar Verletzte zurück liessen, dann verbündeten wir uns mit unseren "Feinden" und hielten dicht. Auf Ehrenwort. Die Erwachsenen liessen wir aussen vor. Das ging nur uns etwas an.
Wir waren als männliche Jugendliche nicht viel sanfter als die vielgeschmähte Jugend von heute. Und auch bei uns prügelten bereits "Ausländer" tatkräftig mit.
Wir Pubertierenden, wie auch alle Pubertierenden in der Zukunft, brauchten und brauchen Initiations-Riten. Mangels Tradition (es gab einmal tatsächlich solche Initiationsriten für Heranwachsende) basteln wir sie uns halt selbst. Die Natur (Pubertät) ist in diesem Alter einfach stärker als der (sozialisierte) Geist.
Lösung?





6 Kommentare:
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, schreibst Du die Jugendgewalt dem pubertierenden Verhalten zu.
Dem stimme ich zu - teilweise. Ich vermute, dass es eine Mischung ganz verschiedener Faktoren ist, einer davon eben der jugendliche Drang und die jugendliche Unvernunft, «etwas Verrücktes» zu machen.
Ein anderer kann der angeblich zunehmende schulische Druck sein. Wenn wir überfordert sind, hauen wir ja auch schon mal auf die Tischplatte, warum soll das bei Jugendlichen nicht anders sein?
Weiter stellt sich noch die Frage, ob die Jugendlichen heute überhaupt die Freiräume haben, die sie brauchen - und die wir hatten. Wo dürfen sich denn Jugendliche noch aufhalten, ohne nicht gleich vertrieben zu werden? Und wo keine Freiräume da sind, werden diese halt gewaltsam geschaffen.
Schliesslich noch der Punkt, ob die Jugendlichen heute überhaupt wissen/lernen, ihre Energie für etwas («richtig») zu nutzen? Wo wird nicht vorgegeben, was man zu tun und zu lassen hat? Eigeninitiative wird kaum gefördert und wenn es doch zu einer solchen kommt, dann aber gleich «gewaltig». Ist uns wohl so angeboren...
Ob dagegen wirklich ein Ritual hilft?
@Titus: Ob ein Ritual hilft?
Wie wir heute durch aktuelle Forschung auf dem Gebiet der Neurobiologie wissen, sind Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren von einem als „sehr gravierend" zu beschreibenden Umbau des Gehirns tief verunsichert, schwer beeinträchtigt. Dieser Umbau muss von den Eltern und allen mitwirkenden Erwachsenen, die mit dem jungen Menschen zu tun haben, in seiner Tragweite erst einmal verstanden werden! Das damit verbundene „Absterben", von bis dahin entstandenen neuro-biologischen Vernetzungsstrukturen braucht vor allem das liebevolle Erkannt-Werden und gute, ruhende, sowie sichere Begleitung aus der Umgebung der jungen Menschen. Damit kann das Vertrauen entstehen, dass etwas Neues, etwas von grosser, wirklich erwachsener Tragkraft an seine Stelle treten kann. Das richtige Ritual kann da durchaus hilfreich sein...
Danke für die Verlinkung. Nur geht es im verlinkten Beitrag beileibe nicht um Jugendgewalt. Ausser du siedelst den 40-jährigen Randalierer, der einen Zug auseinandernimmt, bei den Spätpubertierenden an.
Gewalt hat viele Gründe - wie sie schon immer ihre Gründe hatte. Was nichts daran ändert, dass Opfer zurückbleiben. Und wenn hier schon Vergleiche mit "früher" gezogen werden: Ich höre immer wieder, dass man früher wusste, wann man aufhören musste. Nämlich dann, als der eine am Boden lag. Diese Grenze ist überschritten worden.
Mich nervt diese Verharmlosung, sei es durch das Wort "Ritual" oder "Fankultur" oder was auch immer.
Gewalt schönreden oder sie schönschreiben macht sie auch nicht besser. Ich wage jetzt mal zu behaupten, dass man auch ohne Gewalt ins Erwachsenenleben aufbrechen kann. Auflehnung, kritische Hinterfragung, sich gegen Autoritäten sperren ... ja! Aber ob die Gewalt wirklich dazugehören muss, daran wage ich zu zweifeln.
@Zappadong: Nur eben: Die Gewalt ist da. Die können wir nicht einfach wegreden oder gar verbieten. Je mehr wir sie nämlich ablehnen, desto stärker tritt sie hervor. Und machen wir uns nichts vor: Wir leben in einer äusserst hochgezüchteten Gewalt-Kultur und Väterchen Staat ist deren oberster Gestalter (Gewaltmonopol). Deshalb glaub' ich nicht daran, dass ein gewaltfreier Übergang ins Erwachsenenleben möglich ist. Heute.
Doch. Ich glaube daran. Sowohl Sohnemann Zappadong als auch Tochter Zappadong sind sehr friedlich über diese Schwelle gerutscht oder dabei sie zu überschreiten. Und ich kenne noch ganz viele andere, die auch keine Gewalt benötigen für den Übertritt ins Erwachsenenleben. (Es sei denn, sie seine Opfer von Prüglern, was wills Gott keine positive Erfahrung ist.)
Tut mir leid, diesem "NaturundGeist"Artikel kann ich absolut nichts Positives abgewinnen. Ich bleibe lieber naiv und glaube daran, dass der allergrösste Teil der Menschen in diesem Land es nicht nötig hat, jemandem eins auf die Birne zu hauen um erwachsen zu werden und sein.
@Zappadong: Aber hallo! Mein "Natur und Geist"-Beitrag möchte nun eigentlich nicht gerade die physische Gewaltanwendung verherrlichen. Ich meine ganz bescheiden, dass dieser Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter nicht ganz einfach ist. Und weil ich mich halt für sog. "Übergangsriten" - nicht nur die für junge Menschen - interessiere, selbst einige ausprobiert habe, komme ich stinkfrech darauf, dass unsere sinnleere Leistungs-Gesellschaft diesen Phänomenen wie eben Jugendgewalt hilflos gegenübersteht. Schulweisheiten aus den Hörsälen helfen da m.E. nicht gross weiter.
Mein Göttibub ist übrigens ein überaus sanftes Wesen, der sich noch nie geprügelt hat. Seinen Kick holt er sich jedoch mit "illegalem" Sprayen. Die Eltern freut's!
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