Mittwoch, 18. August 2010

Das Volkslied im Wandel der Zeiten...

Wo sind sie auch geblieben, die einst so zahlreichen Barden, welche als Liedermacher in den 60ern und 70ern durch die Schweiz zogen: Ernst Born, Fritz Widmer, Jacob Stickelberger, Dieter Wiesmann, Henri Dès, Pascal Auberson, Marco Zappa etc., etc.?

Diese Schweizer Liedermacher des letzten Jahrhunderts, deren Verwendung des Dialekts eigentlich Volksnähe signalisierte, taten sich mit dem Volk schwer. Denn die Tradition des Volksliedes kam vor bald zweihundert Jahren zum Verstummen: Damals ersetzten Pfarrherren und Lehrer das überlieferte Volksgut durch didaktisch-pathetische Chorkompositionen, denen der Bezug zum Alltag abging und die mehr und mehr im Widerspruch zu den lebendigen lokalen Traditionen standen. Diesen „Liedern aus zweiter Hand“ würde wohl besser der Begriff „Volksgesang“ anstehen. Solche „Volksgesänge“, „Volksliedbearbeitungen“, „volkstümliche Liedkompositionen“ oder „Lieder im Volkston“ wurden im Unterschied zum traditionellen Volkslied meist über organisierte grössere oder kleinere Gruppen verbreitet.

Es dauerte seine Weile, bis das ursprüngliche Volkslied durch die Liedermacher wieder zu neuen Ehren kam. Wichtiges Merkmal dieser Liedermacher aus den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Personaleinheit von Textdichter, Komponist und Vortragendem. Dieses Ideal des „cantautore“ hatte seine Wurzeln in der Vergangenheit - vom blinden Sänger Alois Glutz, 1789-1827, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Lande zog, über die Sängerväter wie Gilles oder Hans Roelli.

Zwei Liederpatriarchen


Gilles (1895-1982)

Diesen Urahnen der Liedermacher hat man auch als "Schutzheiligen des Westschweizer Chansons" bezeichnet. Er nannte sich einfach "Gilles" (eigentlicher Name: Jean Villard-Gilles). Als er 1982 starb, trauerte die ganze Romandie - und die Deutschschweiz mit ihr. Denn Gilles' gutmütig-parodistischer "Männerchor de Steffisbourg" (eine Persiflage auf das helvetische Gesangsvereinswesen, das braven Familienvätern und Dorfburschen gestattet, ungestört unter sich zu sein) fand auch jenseits der Saane Freunde und das für Edith Piaf komponierte Chanson "Les trois cloches" machte ihn gar weltberühmt:


Edith Piaf - Les Trois Cloches
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Hans Roelli (1889-1962)

Weniger kosmopolitisch ist die Laufbahn des 1889 im Luzernischen (Willisau) geborenen Sängerpoeten Hans Roelli. Noch als Gymnasiast von zu Hause ausgerissen, als Sänger und Poet durch die Lande vagabundierend, mit Gelegenheitsjobs als Ski- und Schwimmlehrer die Freiheit bewahrend. Später wurde der gesellige und lebenslustige Sänger sogar Kurdirektor. Noch später – während des Zweiten Weltkrieges – schickte ihn die Abteilung „Heer und Haus“ als singenden Unterhalter zu den Truppen. Zwischen 1908 und Roellis Todesjahr 1962 entstanden über 1‘200 Lieder. Manche von ihnen – „Alle Rosen…“, „Alles fahrt Schi“ – wurden zu Volksliedern im eigentlichen Sinn des Wortes; von der Bevölkerung spontan aufgenommen, erweitert und variiert.

Wo sind sie also geblieben, die Nachfahren dieser beiden Sängerväter? Diese Sängerpoeten, die sich als Teil einer Alternativkultur verstanden - mit eigenen Klubs, eigenem Journal und politischem Auftrag?

Möglich, dass ihre Lieder die historischen Volkslieder von morgen sein werden. Denn nichts vergeht: Lediglich die Formen verändern sich.

1 Kommentare:

Hausfrau Hanna

Ich mochte sie sehr,
die Schweizer Liedermacher der
60er- und 70er-Jahre,
lieber BodeständiX.
Am liebsten mochte ich die Berner Troubadours um Mani Matter.
Fritz Wiedmer, der Berner Liedermacher, der auch schwedische Volkslieder in seinem Repertoire hatte, ist vor einigen Monaten gestorben.

Dieter Wiesmann??? Dank seines 'Bloss e chliini Stadt mit bürgerliche Wend' konnte ich nahezu perfekt den Schaffhauser Dialekt nachmachen ;-)
Aernschd Born ist, wie ich meine, immer noch aktiv hier in der Gegend. Er allerdings war mir zu politisch. Irgendwie.

Dir einen schönen Tag nach Wien
Hausfrau Hanna

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