Montag, 13. September 2010

Fahnenschwingen - das Tai Chi der Schweiz

Wer es schon mal „live“ miterlebt oder sogar selbst ausprobiert hat, der hat sich sicher über die Ruhe, die innere Harmonie, die dieses alte Ritual ausstrahlt, gewundert. Hier darf nämlich nichts Hastiges passieren, sonst ist die ganze Kunst dahin. Ich spreche vom Fahnenschwingen, das vor ca. 100 Jahren durch die Jodler wieder zu Ehre und bescheidenem Ruhm gekommen ist.

Natürlich gibt‘s das Fahnenschwingen auch in anderen europäischen Ländern. Doch im Gegensatz zur Schweiz geht dieses Ritual eindeutig auf ein militärisch organisiertes Fahnenschwingen zurück. Äusserst direkte Bezüge zum Fahnenschwingen ehemaliger Söldner finden wir heute bei historisch geprägten Fahnenritualen französischer, belgischer, deutscher, österreichischer und italienischer Gilden.

Viele Schweizer/innen glauben, dass sich auch unser Fahnenschwingen von den eidgenössischen Söldnern (Söldnertheorie) herleiten lässt. Doch diese Theorie kann leicht widerlegt werden, weil sich das aus fremden Fürstenhäusern importierte Fahnenschwingen kaum mit den magisch ausgeprägten Ritualen der damaligen Bergler assoziieren lässt. Nachzuweisen lässt sich nämlich, dass Alphirten im Urnerland bereits kurzstielige Fahnen aus schwerer Seide schwangen, bevor die ehemaligen eidgenössischen Söldner vom 16. bis 18. Jahrhundert über den Gotthardpass in die nördlichen Regionen der heutigen Schweiz zurückkehrten.

Die Wurzeln unseres Fahnenschwingens dürften demnach bei den bereits erwähnten Berglern bzw. Älplerbruderschaften in den Innerschweizer Kantonen liegen. Diese Bruderschaften sorgten denn auch für den Weiterbestand dieses Brauchtums. Bis eben der Jodlerverband das Fahnenschwingen wieder „salonfähig“ machte.

Ab 1922 wurden (nebst Jodlern und Alphornbläsern) auch Älplerfahnenschwinger aus der Zentralschweiz in den Verband aufgenommen. An Kursen konnten talentierte Älplerfahnenschwinger an den Grossanlässen des Verbandes auftreten. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahmen zunehmend junge Leute aus den übrigen Regionen der Schweiz an den Wettvorträgen teil.

Im aktuellen Reglement der Fahnenschwinger sind 46 unterschiedliche Schwünge namentlich aufgeführt. Markante Schwünge tragen die Namen von Zentralschweizer Bergen. Man unterscheidet Unterschwünge, Leib- und Körperschwünge, Tellerschwünge (Dächli, Stiche, Schlängger), Mittelhochschwünge und Hochschwünge. Alle Übungsteile müssen rechts- und linkshändig ausgeführt werden.

Ein entsprechender Wettvortrag dauert heute drei Minuten. Der Fahnenschwinger steht im sogenannten Kreis, bestehend aus Richtkreis und äusserem Kreis. Auftritte im Duett werden von der Jury ebenfalls beurteilt. Die Fahne (aus Seide oder Kunstseide) muss 1.20 m im Quadrat aufweisen. Für den Fahnenstock bestehen keine besonderen Vorschriften. Strafpunkte gibt es unter anderem für Laufen im inneren Kreis, Übertreten der zwei Kreise, Verwickeln der Seide, Stoffgriffe, Aufschlagen und Fallenlassen der Fahne. Beurteilt werden auch Wert und Schönheit des Vortrags.

Fahnenschwingen, das Tai Chi der Schweiz:

1 Kommentare:

Noga

Klasse: Tai Chi der Schweiz - you made my day. Die Schilderung erinnert mich an etwas, was ich neulich auf einem "Spielmarkt" gesehen habe und was großen Anklang findet: "Poi schwingen". Ermöglicht vermutlich noch ein größeres Bewegungsspektrum als die Schweizer Fahnen, weil die "Pois" an Schnüren sind. Sollte man vielleicht mit Schweizer Fahnen auch mal ausprobieren.

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