Donnerstag, 7. Oktober 2010

Hinter tausend Stäben keine Welt


Es ist für mich erstaunlich, wie Rilke's Gedicht "Herbst" - natürlich hier auf BodeständiX - seit genau zwei Jahren gefragt ist. Monatlich "googeln" sich zwischen zwei- bis dreihundert BesucherInnen mit diesem Wunsch ein. Im Oktober 2008 habe ich dieses Gedicht mit einem Seitenblick auf die platzende Immoblase in den USA und anschliessendem Beinahe-System-Crash hineingestellt. Titel: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Trotz allem: Wir leben noch. Hurra!

Doch irgendwie, so scheint es mir, ist die Welt einfach enger geworden. So, als sässen wir hinter Gitterstäben. Auch dazu hat mein hochverehrter Herr Rilke ein Gedicht parat:


Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Aus: Neue Gedichte (1907) 

PS: Es gibt übrigens eine ausgezeichnete Rilke-Website, wo ich mich hie und da bediene: HIER

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