Donnerstag, 24. November 2011

Ludwig Hirsch: Komm grosser schwarzer Vogel

Aus aktuellem Anlass: Ludwig Hirsch ist tot.
Reolad vom 14.06.2009

Ich glaub', er hiess Pepperl. Damals Pächter eines Restaurants mit Discothek in einem kleinen Schweizer Städtchen am Rhein. Ich war öfters bei ihm zu Gast. Seine österreichische Küche hatte es mir angetan. Wir redeten viel über Musik. Als Österreicher machte er mich mit der Musik (Austropop) seiner Landsleute vertraut. Einmal meinte er mit verklärtem Gesichtsausdruck: "Der Ludwig, der ist der Hammer!" - "Ludwig, wen meinst Du damit? Kenn' ich nicht." Und schon tönte es im Restaurant: "Komm, grosser schwarzer Vogel". Pepperl bekniete mich förmlich: "Hanspeter, den musst Du bringen." Ich war damals ja Impresario und hatte für musikalische Hinweise immer ein offenes Ohr. Anderntags machte ich mich an die Recherche. Und oh Wunder: Der Ludwig Hirsch war gerade unterwegs. Demnächst auch in der Schweiz und es gelang mir, einen Auftritt in Basel mit seinem Management zu vereinbaren. Im Stadtcasino.

Dieses Konzert war wirklich speziell, denn plötzlich, mitten im Konzertablauf, machte es "Päng" und alles war dunkel. Lediglich die Bühnen-Notbeleuchtung gab ein fahles Licht ab. Ludwig Hirsch, überhaupt nicht geschockt, trat an den Bühnenrand, entschuldigte sich beim Publikum, winkte seinen Gitarristen heran, flüsterte ihm etwas ins Ohr und dann geschah etwas, das ich nicht mehr vergessen werde. Ludwig Hirsch sang seinen "Schwarzen Vogel" unverstärkt und nur mit akustischer Gitarre begleitet. Es war mucksmäuschenstill im Saal. Die Szenerie hatte etwas so Magisches, wie man es selten an einem Konzert erlebt. Nach dem Liedschluss war es zunächst eine ganze Weile still. Das Publikum musste sich erst fassen. Dann brach jedoch ein Applaus los, der sich gewaschen hatte. Und dann ging's wieder weiter. Die Technik hatte uns wieder.

Nach dem Konzert gingen wir übrigens zum Pepperl etwas essen - selbstverständlich zusammen mit Ludwig Hirsch und alles drehte sich um diesen Stromausfall und den "Schwarzen Vogel" unverstärkt. Ob sich Ludwig Hirsch noch an diesen Auftritt in Basel anno 1983 erinnert?



Liedtext:
Komm grosser schwarzer Vogel
komm jetzt!
Schau
das Fenster ist weit offen

schau
ich hab' dir Zucker aufs
Fensterbrett g'straht.

Komm grosser schwarzer Vogel
komm zu mir!
Spann' deine weiten
sanften Flügel aus
und leg' s' auf meine Fieberaugen!
Bitte
hol' mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf

mitten in Himmel rein

in a neue Zeit
in a neue Welt

und ich werd' singen
ich werd' lachen

ich werd' "das gibt's net" schrei'n

weil ich werd' auf einmal kapieren

worum sich alles dreht.

Komm grosser schwarzer Vogel
hilf mir doch!
Press' deinen feuchten
kalten Schnabel
auf meine wunde
auf meine heiße Stirn!

Komm grosser schwarzer Vogel
jetzt wär's grad günstig!
Die anderen da im Zimmer schlafen fest
und wenn wir ganz leise sind

hört uns die Schwester nicht!
Bitte
hol mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf

mitten in Himmel rein

in a neue Zeit
in a neue Welt

und ich werd' singen
ich werd' lachen

ich werd' "das gibt's net" schrei'n

weil ich werd' auf einmal kapieren

worum sich alles dreht.

Ja
grosser schwarzer Vogel
endlich!
Ich hab' dich gar nicht reinkommen g'hört

wie lautlos du fliegst

mein Gott
wie schön du bist!

Auf geht's
grosser schwarzer Vogel
auf geht's!
Baba
ihr meine Lieben daham!
Du
mein Mädel
und du
Mama
baba!
Bitte
vergesst's mich nicht!

Auf geht's
mitten in den Himmel eine

nicht traurig sein
na na na

ist kein Grund zum Traurigsein!
Ich werd' singen
ich werd' lachen

ich werd' "des gibt's net" schrei'n.
Ich werd' endlich kapieren

ich werd' glücklich sein!
Ich werd' singen
ich werd' lachen

ich werd' "des gibt's net" schrei'n.
Ich werd' endlich kapieren

ich werd' glücklich sein!
Ich werd' singen
ich werd' lachen

ich werd' endlich glücklich sein!
werd' endlich kapieren

ich werd' glücklich sein!
Ich werd' singen
ich werd' lachen

Mittwoch, 16. November 2011

Solchen Monat muss man loben

 November-Blues


Die Novemberwinde brausen übers Land und machen das, was sie jedes Jahr tun: Platz für die Winterruhe. Passend dazu habe ich heute ein Gedicht gefunden, das aus der Feder von Heinrich Seidel, 1842-1906, stammt:
November
Solchen Monat muss man loben;
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdriesslich sein,
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist 'ne wahre Pracht.

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinanderwirbelt
und sie hetzt ohn' Unterlass;
Ja, das ist Novemberspass!

Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
Ihren feuchten Himmelstau
Ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Und an jeder Traufe hängt
Trän' an Träne dicht gedrängt.

O, wie ist der Mann zu loben,
Der solch unvernünft'ges Toben
Schon im voraus hat bedacht
Und die Häuser hohl gemacht!
So dass wir im Trocknen hausen
Und mit stillvergnügtem Grausen
Und in wohlgeborgner Ruh
Solchem Gräuel schauen zu!

Dienstag, 15. November 2011

Rainer Maria Rilke - Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke, 11.9.1902, Paris

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